+++PRO & CONTRA--- Volkslauf

13. September 2002, 11:31
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Wo bitte sind die Glücksgefühle, die uns die Laufpäpste immer versprachen? Doch nicht in der lautlichen Nähe von Volkslauf zu Rotlauf und Einlauf ...

+ + + PRO

von Martina Salomon

Wo bitte sind die Glücksgefühle, die uns die Laufpäpste immer versprachen? Da quält man sich jahrelang durch den Prater, und? Nichts, gar nichts - bis zum Startschuss des ersten persönlichen Laufs in der Masse. Brüllende Musik, Hubschrauber, die über uns kreisen, und alle laufen in einer riesigen Woge los. Da ist es ja plötzlich: Endorphine pur. Hurra, we are the champions, gleichgültig, wann und in welchem Zustand das Ziel erreicht wird.

Wer diesen Kick je erlebt hat, braucht ihn immer wieder: übermorgen in der Wachau zum Beispiel. Werde ich meine (Halbmarathon-)Zeit verbessern können? Habe ich ausreichend trainiert? Wie wird das Wetter? Lauwarm ohne Regen und Wind wäre optimal.

Dieses gewisse Kribbeln beginnt schon vor dem Start - im Chaos tausender Menschen, die busweise herangekarrt werden. Prächtige Stimmung, und an jeder Ecke trifft man Bekannte. Marathon oder Halbmarathon? Das ist jetzt die einzige Frage von Relevanz. Der erste Kilometer: Gänsehaut vor Hochstimmung. Selbst wenn es später noch unangenehm wird, bleibt die Befriedigung, gemeinsam mit der Weltelite angetreten zu sein. Außerdem gehört die Stadt uns. New York! Berlin! Wien, mitten über die Reichsbrücke! und äh: Krems an der Donau! Autos, Radfahrer und Hunde - des Läufers natürlicher Feind - müssen draußen bleiben.

Danach: Duschen, Volksfest sowie das lang anhaltende, wohlige Gefühl, etwas Tolles geschafft zu haben - und tagelang ohne schlechtes Gewissen völlern zu können, ohne öde Praterrunden drehen zu müssen.

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- - - CONTRA

von Christoph Winder

Für den Fall, dass sie es noch nicht gehört haben: Beim 6. Volkslauf um den Perfstausee am 20. Juli 2002 in Breidenbach (Deutschland) hat ein gewisser Sven Pöppel vom SK Wunderthausen die Distanz von 10.100 Metern in 34 Minuten und 22 Sekunden zurückgelegt. Gratulation! Das ist aber auch schon das Interessanteste, was es von der Disziplin "Volkslauf" zu wissen gibt, und auch sonst hat diese Apotheose des Breitensports, die von pädagogisch übereifrigen Hausärzten im Verein mit phantasielosen Gesundheitspolitikern ersonnen wurde, kaum erfreuliche Seiten.

Allein die lautliche Nähe zu Rotlauf und Einlauf macht den Volkslauf zu einer latent unappetitlichen Sache, und wer je Zeuge des Schauspiels geworden ist, wie sich eine Horde übergewichtiger Exponenten des österreichischen Volkes keuchend, rülpsend, schnaubend und die speckigen Oberschenkel aneinander scheuernd durchs heimische Unterholz wälzt, der wird derlei dubiose Übungen zur Hebung der Volksgesundheit nicht anders als mit äußerstem Abscheu betrachten können.

Besonders gefährlich: Politiker betrachten Volksläufe regelmäßig als ihre legitimen Tummelplätze, sodass Sie im Extremfall sogar den süßen Schweiß von Joschka Fischer oder Jörg Haider zu schnüffeln bekommen.

Als ideale Alternative zum Volkslauf empfehlen sich ausgedehnte Heurigenbesuche. Der Sturm soll ja heuer ganz besonders manierlich moussieren. (derStandard/rondo/13/9/02)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Beine des Läuferfeldes beim Start des 19. Wien Marathons im Mai 2002

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