Deutschland: Keine Anzeichen für Erholung des Arbeitsmarktes

5. September 2002, 19:22
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Auch im August mehr als vier Millionen Menschen ohne Job

Nürnberg - Gut zwei Wochen vor der Bundestagswahl in Deutschland zeichnet sich keine durchgreifende Verbesserung auf dem deutschen Arbeitsmarkt ab. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit (BA) waren im August 4.018.200 Männer und Frauen ohne Beschäftigung gewesen. Die August- Arbeitslosigkeit erreichte damit den höchsten Stand seit drei Jahren. Im Vergleich zum Juli sank die Erwerbslosenzahl um 28.700. Bereinigt um jahreszeitliche Sondereffekte habe der Arbeitsmarkt hingegen stagniert, sagte der BA-Vorsitzende Florian Gerster am Donnerstag.

Im Vergleich zum August 2001 stieg die Zahl der Arbeitslosen sogar kräftig - und zwar um 229.400. Die Arbeitslosenquote verringerte sich von 9,7 auf 9,6 Prozent. Gerster sagte, die Wirtschaft sei nicht über die Anfangsphase einer Erholung hinausgekommen. Vor diesem Hintergrund könne sich auch der Arbeitsmarkt nicht entscheidend verbessern. Die Flutkatastrophe an Mulde und Elbe sei bisher noch ohne Auswirkung auf den Arbeitsmarkt geblieben. Statt Mitarbeiter zu kündigen, hätten sich viele Unternehmen für Kurzarbeit entschieden.

Aufwärtsentwicklung erst zu Jahresbeginn

Für September und Oktober rechnet der BA-Chef mit einer Arbeitslosenzahl unter vier Millionen. Eine dauerhafte Aufwärtsentwicklung erwartet der Chef der Nürnberger Bundesanstalt aber erst zum Jahresbeginn 2003. Es zeichne sich immer mehr ab, dass der für Jahresende erwartete Aufschwung sich verzögert auf den Arbeitsmarkt auswirken werde. "Der Trend gilt unverändert, wenn auch nicht in dem Verlauf, den wir uns gewünscht hatten", sagte Gerster. Für das nächste Jahr gehe er von einer "deutlichen Entlastung" aus.

Ausdrücklich wies Gerster auf den im Vergleich zum Wahljahr 1998 deutlich geringeren Umfang so genannter arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen hin, die gewöhnlich die Arbeitslosenzahlen drückten. Hätten im Frühherbst 1998 rund 300.000 Menschen an Aus- und Fortbildungen oder ABM-Maßnahmen teilgenommen, so seien es im August nur 126.600 gewesen, unterstrich der BA-Chef. "Wahl-ABM wie damals gibt es dieses Mal zur Bundestagswahl nicht", fügte er hinzu. Eher habe er den Eindruck, dass die Arbeitsämter - zumindest im Osten - zu sparsam mit den Möglichkeiten der aktiven Arbeitsmarktpolitik umgegangen seien.

Osten doppelt so stark betroffen

Die Kluft zwischen den Arbeitsmärkten in Ost- und Westdeutschland war im August unverändert groß. Die Zahl der Arbeitslosen lag in den alten Bundesländern bei 2.631.100 (minus 5200), in den neuen Ländern bei 1.387.100 (minus 23.600). Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 7,8 Prozent im Westen und von 17,7 Prozent im Osten. Damit waren gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen in Ostdeutschland doppelt so viel Menschen arbeitslos wie im Westen.

Angesichts der angespannten Arbeitsmarktlage rechnet inzwischen auch BA-Chef Gerster mit einem deutlich höheren Bundeszuschuss zum Haushalt der Bundesanstalt. "Ich gehe von 3,5 Milliarden Euro aus", sagte Gerster. Die rot-grüne Bundesregierung hat dagegen bisher nur zwei Milliarden Euro eingeplant. Genauer wisse man es aber erst zum Jahresende. Verschiedene Umstände könnten den Zuschussbedarf bis dahin auch noch drücken. Im übrigen habe es immer wieder auch Jahre gegeben, in denen die Bundesanstalt den im Bundeshaushalt eingeplanten Zuschuss gar nicht ausgenutzt habe. (APA)

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