Die Mafiajäger und "die große Welt"

6. September 2002, 11:17
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Zwei der Angeklagte bekannten sich zum Prozessauftakt "schuldig". Der dritte will seine Unschuld beweisen - ohne Anwalt - Der gab sich bereits in der ersten Runde k.o.

Wien - Schuldig, schuldig, nicht schuldig - gleich zwei Eingeständnisse zu Beginn des Prozesses gegen drei Mafiafahnder wegen Amtsmissbrauches. Damit hatte bis Donnerstagfrüh niemand gerechnet. Am allerwenigsten der dritte Verteidiger des bei seiner Unschuld bleibenden Angeklagten: "Ich bin stehend k.o.", leitete Anwalt Alfred Boran nach den Ausführungen seiner Kollegen Farid Ri 3. Spalte faat und Rudolf Meyer sein Eröffnungsplädoyer ein. Und sorgte gleich für den nächsten Knalleffekt: "Die Möglichkeit, dass Sie rauskommen, ist äußerst gering. Es liegt an Ihnen, Einsicht zu zeigen", empfahl Boran seinem Mandanten, Oberstleutnant Josef B. (51).

Dem Trio wird vorgeworfen, den aus Polen stammenden V-Mann Jeremiasz B. geschützt zu haben, als dieser bereits wegen fünffachen Mordverdachts und als mutmaßlicher Schmugglerpate auf internationalen Ermittlungslisten stand. Jeremiasz B., der im Vorjahr in seinem Haus in Niederösterreich verhaftet wurde, soll im März 1999 einen Mordanschlag auf eine rivalisierende Schmugglerbande in Polen in Auftrag gegeben haben. "Im Stil von Chikago 1930", so Staatsanwältin Michaela Schnell, seien damals in der "Gamma- Bar" in Warschau fünf Menschen hingemetzelt worden.

Mafiafahnder fielen aus allen Wolken

Deutsche und polnische Ermittler luden daraufhin Thomas S. (38) und Johann H. (45) zu einem dringenden Informationsgespräch nach Berlin. Dort fielen die Mafiafahnder aus allen Wolken, als sie vom schwerwiegenden Mordverdacht gegen Jeremiasz B. erfuhren. War dieser doch seit Jahren ein wertvoller Informant gewesen. Wieder in Wien, unterließen sie es, den Verdacht in einem Bericht festzuhalten. Anstatt wie vorgeschrieben, eine Anzeige gegen ihren V-Mann zu erstatten, arbeiteten sie weiter mit ihm zusammen.

"Lieber Gott" gespielt

"Damit haben Sie weitere Leben aufs Spiel gesetzt. Sie haben lieber Gott gespielt. Bekennen Sie sich dazu schuldig?", fragt Richterin Eva-Maria Seidl den Angeklagten Thomas S. (38), der sich eingangs schon schuldig bekannt hat. Antwort: "Das mit dem lieben Gott stimmt nicht. Und was die Anzeige betrifft, hab’ ich drauf gewartet, dass die polnischen Behörden aktiv werden. Es war ein Denkfehler." Das lässt die Richterin nicht gelten: "Das ist kein Geständnis. Sie haben wissent 5. Spalte lich Amtsmissbrauch begangen." Damit hat der Angeklagte Probleme. Schuldig ja. Aber wissentlich das Gesetz gebrochen? Schließlich ringt er sich doch dazu durch: "Ja, es war Amtsmissbrauch."

FBI-Zeugenschutz

Die schwerwiegende Folge laut Anklage: Im Frühling 2001 wurde in Warschau der Exsportminister Jacek Debski hingerichtet. Wieder soll Jeremiasz B., der 1998 "unter dubiosen Umständen" (Anklagevertreterin Schnell) die österreichische Staatsanwaltschaft erhalten hatte, Auftraggeber gewesen sein. Daraufhin wurde eine neue Sonderkommission im Innenministerium gebildet, die auch gegen die drei Mafiafahnder ermittelte. Das Trio versuchte noch erfolglos, seinen V-Mann im Zeugenschutzprogramm des FBI verschwinden zu lassen - wieder Amtsmissbrauch.

Johann H. gesteht neben der V-Mann-Causa noch zwei weitere Amtsmissbräuche: Er und ein Detektiv haben für ein polizeiliches Leumundszeugnis für einen russischen Diplomaten 60.000 US-Dollar kassiert. Und: Mitte der 90er-Jahre führte er ohne Genehmigung eine Telefonrufdatenerfassung durch. Unter anderem in seiner eigenen Dienststelle. "I bin eing’fahren", sagt er. "Ich kam als kleiner Beamter vom Land zur Spezialeinheit. Ich wollte ganz oben aufräumen, aber ich hatte keine Ahnung von der großen Welt."

Der Prozess im Wiener Landesgericht geht heute mit der Aussage von Josef B. weiter. (Michael Simoner, DER STANDARD, Printausgabe 6.9.2002)

 

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