Von der Finsternis am Gipfel des Ruhms

5. September 2002, 11:45
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Thomas Bernhards "Über allen Gipfeln ist Ruh" im Theater in der Josefstadt - Darsteller Joachim Bissmeier im DER STANDARD-Interview

Bernhard-Stücke sind schon Klassiker. Im Josefstadt-Theater hat heute "Über allen Gipfeln ist Ruh" Premiere. Darsteller Joachim Bissmeier sprach mit Margarete Affenzeller


Wien - Auch weil es der zeitgenössischen Bühnenliteratur am großbürgerlichen Sujet mangelt: Bernhard-Stücke boomen. Sie heben eine vom Pop- und Trash-Theater in den gewienerten Boden gestampfte noble Gesellschaft wieder empor, die sich bei Tschechow oder Schnitzler noch glanzvoll drehte. Hinter der monströsen Oberfläche großer Figuren kommen bei Bernhard Verfall, Niedertracht und Verlogenheit der Existenz zum Vorschein. In der Komödie Über allen Gipfeln ist Ruh (UA 1982) sind es Ab- und Hintergründe der Figur Moritz Meister - eines Stardichters am Zenit seines späten Ruhms.

Das Theater in der Josefstadt setzt das Werk in der Regie Wolf-Dieter Sprengers (Thalia Theater Hamburg) mit heutigem Datum ins Repertoire - nach Der Schein trügt nun das zweite Bernhard-Stück im Haus. Die Hauptrolle spielt Kammerschauspieler Joachim Bissmeier, ein halber Wiener:

27 Jahre lang war der gebürtige Bonner im Burg-Ensemble, bevor er sich 1992 von Direktor Peymann karenzieren und 1996 pensionieren ließ. Auf ein Angebot von dessen Nachfolger Klaus Bachler ging er mangels konkreter Vorschläge einstweilen nicht ein. Nach wie vor lebt er in Wien und fühlt sich hier "einigermaßen" zu Hause:

Bissmeier: "Ein Wiener wird man als Deutscher nie. Aber als ich 1964 herkam, war für mich faszinierend, dass ich das alte Wien noch kennen lernte, das vergammelte, das nicht so beliebt war wie heute. Die Stadt hatte eine Patina, einen Stolz und eine Unzugäng- lichkeit. Äußerlich, nicht in der Mentalität der Menschen!"

STANDARD: Die Aufnahmebereitschaft der Wiener stieß allerdings schon bei der Uraufführung der Jagdgesellschaft 1974 an ihre Grenzen. Sie spielten damals den Schriftsteller.

Bissmeier: Die Leute schrien "Geld zurück, Klingenberg!", attackierten also den damaligen Burgtheaterdirektor. Man war an die Art der Bernhardschen Monologe und des Sich-Wiederholens nicht gewöhnt, sondern an Inhaltlich-Psycho- logisches.

STANDARD: Über allen Gipfeln ist Ruh ist auch ein hoch komischer Text: Der bejubelte Dichter ist zugleich ein "Bienennarr", der "Sonette über die Schafgarbe" oder "Zyklen über die Sauerkirsche" schreibt. Besteht die Gefahr, dass man in der Komik zu weit geht?

Bissmeier: Ja, das ist auch mein Gedanke. Aber: Obwohl Bernhard die Figur des Moritz Meister auch ins Lächerliche zieht, steckt da ein ganz großes Stück von ihm selbst drin. Zum Beispiel die eigene Infragestellung, d. h.: Weiß ich, ob alles, was ich hier mache, nicht ein großer Blödsinn ist? Das ist die absurde Situation des Schriftstellers, und da geht es natürlich tiefer.

STANDARD: Die Judenverfolgung quittiert Meister als "unlösbares Problem", zugleich will er aber ein Humanist sein. Eine teuflische Mischung.

Bissmeier: Man muss den Meister verteidigen. Er wird dermaßen bloßgestellt, und wenn man dahinterguckt, findet man keine angenehme Figur. Ich möchte nicht in seinem Hause leben (lacht). Das wäre schrecklich. Ich kann nur diese Unbeirrbarkeit bewundern. Das ist eine Kraft und auch Rücksichtslosigkeit. Und ohne Rücksichtslosigkeit ist nichts. Klingt brutal. Ich will das gar nicht so sagen. Meister beruft sich auf Goethe, der wohl auch zielbewusst seinen Weg gegangen ist, aber zugleich von einer unglaublichen Großzügigkeit und Weltoffenheit war.

STANDARD: Den Erfolg erreicht Meister auf Kosten seiner Gattin. Die Frauen kommen bei Bernhard immer schlecht weg.

Bissmeier: Ja! (lacht) Ich glaube, für Bernhard ist das Zusammenleben von Mann und Frau eine Absurdität. Ich glaube nicht, dass es so frauenfeindlich gedacht ist, sondern die Rolle der Frau, die ihren Mann betut, ihre Karriere opfert usw., das ist für Bernhard etwas Unmögliches.

STANDARD: Sie meinen, Bernhard hat das als Kritikpunkt gedacht?

Bissmeier: Ich weiß nicht: Ob er so dachte? Ja, kann man schon sagen. Aber hauptsächlich findet er die Symbiosen von Mann und Frau komisch. Ich denke, er hat in Gesellschaft die Paare beobachtet, wie sie aufeinander reagieren.

STANDARD: Sie kannten Bernhard selbst und haben ihn in dem niederländischen Film Der Umweg (1999) verkörpert.

Bissmeier: Der Film darf merkwürdigerweise nicht gezeigt werden. Er ist gar nicht so schlecht geworden. Es ist eine sehr persönliche Begegnung zwischen einer Frau und einem Schriftsteller. Die Bernhard-Gesellschaft fand das aber einen zu starken Eingriff in das Andenken. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2002)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Nicht thomas Bernhard, sondern dessen Darsteller: Joachim Bissmeier.

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