Ein kunstfrommer Irrtum

4. September 2002, 22:25
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Christoph Marthaler: Ein Intendant in der goldenen Mitte zwischen Darstellungskünstler und Bühnenverwalter

Den in Zürich vorderhand entlassenen Christoph Marthaler will man nur schweren Herzens der Intendanten-Spezies zuzählen: Denn in der zweckmäßigen Unterscheidung zwischen Darstellungskünstlern und Bühnenverwaltern nimmt der Theaterintendant, diese spätfeudale Erscheinung in einer modern eingerichteten Lebenswelt, die goldene Mitte ein. Er darf sich auch dann noch mit Lorbeeren schmücken, wenn er keine expliziten Kunstambitionen hegt. Man wird Theatermanagern nicht deren eminenten Kunstsinn absprechen wollen, bloß weil sie keine "Schöne Müllerin" inszenieren. Besagte Einsicht, die vielleicht vom schlampigen Umgang mit dem Begriff der Kunst zeugt, ansonsten aber niemandem wehtut, taugt nun leider gar nicht zum Umkehrschluss.

Stilbildende Regisseure - und unter den zeitgenössischen ist Christoph Marthaler so etwas wie der Prophet einer träumenden Verweigerungshaltung im eigenen Lande - können nämlich ganz verheerend schlechte Intendanten sein. Sie verwechseln dann die Additionsposten, scheitern an den einfachsten Formen der Schlussrechnung, verprellen ohne böse Absicht Abonnenten - und richten der Bürgerschaft, die in Zürich nicht nur gut betucht, sondern auch sehr von sich eingenommen ist, mit unschuldslämmerner Miene aus, dass man sie gernhaben möge. Natürlich hat Marthaler Recht, wenn er unverdrossen auf die Autonomie der Künste pocht. Aber wer hat eigentlich behauptet, dass die Kunsttempel einer überkommenen, aber in Wahrheit auseinander brechenden Bürgergesellschaft noch dem Guten, Wahren und Schönen dienen? Marthalers Kunst von Rang ist ein symbolischer Gewinn für die Schweiz. Doch in Zeiten wie den unseren wuchert man mit anderen, unbeweglicheren Gütern: Geld, Zeit, Wert; Kantönli-Geist - und Biedersinn. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2002)

Von Ronald Pohl
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