Ob Chefin oder nicht, entscheidet kleiner Wicht

4. September 2002, 19:48
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Wie bei "Dinosaurier-Ameisen" ein Putsch mit einem Kuss abgewendet wird - oder auch nicht

Sheffield/Wien - Wie kann man so einen Haufen zusammenhalten? Eine Frage, für die niemand kompetenter ist als - Ameisen. Entscheidend für ihr Sozialgefüge: die Kontrolle über die Fortpflanzung. Forscher in Großbritannien haben nun an einer brasilianischen Ameisenart eine ungewöhnliche Methode dafür beobachtet (Nature 419, S. 61): Die Chefin eines Stamms "küsst" eine Artgenossin, die aufmüpfig wird. Das so hinterlassene Sekret gibt den Arbeiterinnen den Befehl zur Eliminierung der Putschistin.

Die drei Zentimeter großen Dinoponera-quadriceps-Ameisen leben in kleinen Kolonien von wenigen Dutzend Exemplaren. Nur die Chefin, das Alpha-Tier, kümmert sich um die Fortpflanzung, sieht aber sonst aus wie die anderen, die normalerweise ihre Nachkommen sind. Eine Königin gibt es nicht.

Außerhalb des Baus funktioniert das Zusammenleben gut. Auch diese wegen ihrer Größe "Dinosaurier-Ameisen" Genannten schleppen schwere Lasten gemeinsam.

Hinter den Kulissen aber braut sich immer wieder ein Machtkampf zusammen: Ein Individuum will sich ganz an die Spitze putschen und fordert die Chefin heraus. Diese streicht ein gelblich-öliges Sekret auf die Herausfordererin und zieht sich zurück.

Nun riecht es nach Kampf. Es folgt das große Krabbeln: Arbeiterinnen stürzen sich auf die zur Bestrafung Duftmarkierte und beißen sie bis zur Bewegungsunfähigkeit. Wenn sie überlebt, darf sie sich unten in der Hierarchie einreihen. Denn es kann - anders als bei anderen Ameisen - nur eine an der Spitze geben. Nur sie hat das Strafsekret.

Wahl des Bruttiers

Diese Zusammenarbeit zwischen Chefin und Basis zeigt, dass "die sozialen Insekten wirklich sehr sozial sind", sagt Insektenforscher Thibaud Monnin zum STANDARD: "Die Dominierten sind sehr wichtig." Die Ausführenden der Polizeiaktion gegen die Putschistin haben eine große Macht - nämlich, nicht zu strafen. Und stattdessen das Beta-Tier putschen zu lassen. "Sie fördern den Umsturz, wenn Alpha alt geworden ist", hat Monnin beobachtet, "so wählen die niedrigen Weibchen eine höhere Arbeiterin zum Bruttier."

Der Insektenforscher, inzwischen von Sheffield nach Paris gewechselt, hat schon früher gezeigt, dass meistens das zweithöchste Tier das höchste ersetzt. Und dass sich der Emporkömmling deutlich aggressiver gebärdet (Behavioral Ecology 10, S. 323).

Seinesgleichen geschieht gerüchtehalber auch in Firmen und Vereinen. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig und (von den Forschern) unbeabsichtigt. (Roland Schönbauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 9. 2002)

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