Übermenschlich - von RAU

4. September 2002, 19:13
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Eines kann man Bundeskanzler Wolfgang Schüssel nicht absprechen: Dieser Mann ist gelassen. Was er da am Dienstagabend - live! - dem ORF-Publikum zeigte, war ganz großes Gelassenheitskönnen. Die Situation war, weiß Gott, nicht leicht. Zeit und Ort waren sehr, sehr heikel für ein großes Fernsehinterview. Man musste davon ausgehen, dass es Irritationen, sogar kleine Quälereien geben würde - ja, dass die Sache auch eine blutige Angelegenheit werden könnte.

Der interviewende Chefredakteur Mück hatte für diesen Abend sogar einen für seine Verhältnisse ungewohnt scharfen Stachel angelegt. Aber das war für einen Profi wie Schüssel nicht das Problem.

Das lag woanders: Man musste fürchten, dass für Schüssel die ganze Situation, der unausgesetzte Ärger mit seiner Umwelt zu viel wird; dass er sich angesichts der tausendfach präsenten Quälgeister einmal vergisst, einmal provozieren lässt, einmal ausrastet, einmal zu einem Rundumschlag ausholt - aber, übermenschlich diese Leistung: Bis auf ein kurzes Fuchteln während des langen Interviews im Freien (!), am Abend (!!), am Neusiedler See (!!!), schlug Schüssel nie nach einer der Gelsen, die ihn umschwirrten. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2002)

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