Genmais oder Hunger

5. September 2002, 20:33
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Darf ein Staat wie Sambia auf Nahrungsmittelhilfe verzichten, obwohl ein Teil seiner Bevölkerung gerade verhungert?

Darf ein Staat wie Sambia auf Nahrungsmittelhilfe verzichten, obwohl ein Teil seiner Bevölkerung gerade verhungert? Natürlich nicht, müsste man sagen, der Staat ist unbedingt dem Wohl der Bürger verpflichtet. Formuliert man die Frage anders, wird die Antwort schon schwieriger: Kann man Hungernden gegen ihren Willen vorschreiben, geschenkten genmanipulierten US-Mais zu essen, den wir Europäer selbst kategorisch ablehnen und nicht konsumieren?

Weltweit ist der Anbau gentechnisch manipulierter Nutzpflanzen in den letzten Jahren dramatisch angestiegen, dennoch tut sich die Gentech-Industrie zunehmend schwerer, ihre Produkte zu verkaufen. Im Windschatten der EU, die ein De-facto-Moratorium gegen genetisch veränderte Pflanzen verhängt hat, beginnen sich sehr zum Missfallen der USA nun auch Staaten der Dritten Welt gegen diese Pflanzen zu wehren, nicht zuletzt, weil erfahrungsgemäß ein Teil dieser Maiskörner von den Bauern als Saatgut verwendet werden wird. Damit wäre aber eine Kontaminierung der unbehandelten Pflanzen nicht mehr zu verhindern, Märkte (siehe EU) würden wegbrechen, die auf landwirtschaftliche Exporte angewiesene Wirtschaft der Entwicklungsländer würde schwere Schäden erleiden.

Unterstützung erhielten die USA bisher nur mit Einschränkungen: Die UN-Wirtschaftskommission für Afrika meint, dass gentechnisch manipuliertes Saatgut eine Chance im Kampf gegen den Hunger darstelle, sagt aber, dass das Saatgut "den örtlichen Bedingungen angepasst" werden müsste. Genau das ist aber nicht der Fall. Die mit Abstand meisten genmanipulierten Pflanzen wurden für US-Umweltverhältnisse entwickelt und brauchen eine hoch industrialisierte Landwirtschaft, die in Entwicklungsländern nicht gegeben ist. Es liegt der Verdacht nahe, dass die Gentech-Industrie die hungernden Entwicklungsländer als Experimentierfelder missbraucht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 9. 2002)

Kommentar von Gerhard Plott
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