Kommentar: Gewendete Sichtweisen

4. September 2002, 18:55
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Das Anwachsen der Jugendarbeitslosigkeit ist auch auf Versäumnisse der Regierung zurückzuführen - Von Michael Bachner

Das überproportionale Ansteigen der Jugendarbeitslosigkeit um 20 Prozent ist nur teilweise auf die flaue Konjunktur zurückzuführen. Die Krise ist auch hausgemacht, sprich Versäumnissen der Regierungspolitik zuzuordnen.

Die lineare Hinaufsetzung des Pensionsantrittsalters - ohne arbeitsmarktpolitisch flankierende Maßnahmen - lässt nicht nur die Arbeitslosigkeit bei Älteren steigen, sondern erschwert naturgemäß auch den Zugang Junger zum Arbeitsmarkt. Ebenso klar ist, dass der verhängte Aufnahmestopp im öffentlichen Dienst die Jobchancen junger Menschen deutlich geschmälert hat. Dass gleichzeitig das Ausbildungsangebot in gesuchten Berufszweigen chronisch der Nachfrage hinterherhinkt, tut sein Übriges. "Bildungsoffensive" blieb ein Schlagwort der Sonntagsredner - auch dieser Regierung.

Auf mögliche unerwünschte Nebenwirkungen der an sich richtigen Pensions- und Verwaltungsreform weisen Arbeitnehmervertreter seit mehr als einem Jahr hin. Ebenso lange fordern sie den Stopp der Abschöpfungen aus der Arbeitslosenversicherung durch den Finanzminister und das Lockermachen der Reserven des Arbeitsmarktservice durch den Wirtschaftsminister. Letzteres hat Martin Bartenstein nun auf Geheiß des Kanzlers angekündigt. Der Notgroschen von 116 Millionen Euro soll im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit rollen.

Bartenstein muss zähneknirschend auf das ungeliebte, weil subventionsabhängige Kind der außerbetrieblichen Lehrgänge für Jugendliche, die keine Lehrstelle finden, zurückgreifen. Die rot-schwarze Erfindung des Jugend-"Auffangnetzes", in der ersten Hälfte der Legislaturperiode von Schwarz-Blau zusammengestutzt, wird wieder forciert: Selbst Politiker lernen offenbar dazu, auch wenn es die Wende der Wende bedeutet. (DER STANDARD, Printausgabe 5.9.2002)

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