Impuls für eine Historie der Mystagogen

4. September 2002, 18:55
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Es gibt ganz offensichtlich zwei völlig unterschiedliche Arten der Rezeption östlicher Religionen in westlichen Gesellschaften

Es gibt ganz offensichtlich zwei völlig unterschiedliche Arten der Rezeption östlicher Religionen in westlichen Gesellschaften: Eine "gute", die ihren ersten Höhepunkt mit dem Hesse-Kult (Siddharta) in den 60er-Jahren in den USA fand; und dann gibt es einen zweiten, tatsächlich gefährlichen, rechtsradikalen Zweig:

Die neonazistische Szene, eine eigene "Subkultur" (Trimondi) in allen europäischen Staaten, funktionalisiert in hohem Grade Elemente fernöstlicher Religionen. Mit dieser Linie beschäftigt sich das Buch Hitler, Buddha, Krishna: Eine unheilige Allianz - in seinen guten Passagen.

Auf dieser Linie könnte es eine Diskussionsgrundlage abgeben, mit viel soziologischem und wissenschaftsgeschichtlichem Material: Im Großteil des Buches erfährt man nicht nur vom esoterischen Interesse vieler führender Nationalsozialisten, sondern von pervertierten "Gotteskämpfer"-Visionen nach dem Zweiten Weltkrieg: Julius Evola in Italien, ein Kreis von SS-Mystagogen um den Ufologen und Romanautor Wilhelm Landig in Wien, der Kultautor der rechten Szene der 90er-Jahre, Jan van Helsing, und viele andere. Schockierend auch die materialgestützte Einsicht, dass die Hauptverbreiter fernöstlicher Weisheitslehren im Nachkriegs-Deutschland davor Karriere im NS-System gemacht hatten: Eugen Herrigel etwa.

Viel Erhellendes, auch über die Primitivität der Buddhismus-Deutung in dieser Szene. Aber: Diese Deutungen sind nicht wahre Aussagen über die Religionen und ihre komplexen Bildsysteme. Ein wirklicher Dialog, auch über möglicherweise versteckte Gewalt, müsste von dieser Komplexität des "Fremden" ausgehen. (rire/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 9. 2002)

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