Nach "Notwehr" Kritik an Schießausbildung

4. September 2002, 17:26
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Polizist: Ohne Privattraining kein sicherer Waffenumgang

Wien - "Jeder Polizist muss in lebensbedrohenden Lagen den Einsatz der Dienstwaffe technisch automatisiert beherrschen. Nur so kann der Polizist professionell und verantwortungsbewusst Leben retten beziehungsweise Gefährdete schützen." So steht es auf einem Papier, vor kurzem ausgesandt anlässlich der Polizeimeisterschaften im Dienstpistolenschießen.

Im Fall von Binali I. (28) war alles anders. "Unser Sohn und Bruder wurde abgeknallt", beklagen die Hinterbliebenen. Wie berichtet, wurde der Kurde am vergangenen Samstag von einem Sicherheitswachebeamten erschossen. Binali hatte unter dem Eindruck einer akuten Psychose den Beamten mit einer Mineralwasserflasche attackiert. Notwehr, sagen der 30-jährige Todesschütze und drei weitere involvierte Beamte. Man hab den unbewaffneten, bloßfüßigen Mann, der zuvor auch auf eine Verkäuferin losgegangen war, nicht unter Kontrolle bringen können.

Binalis Verwandte glauben nicht an Notwehr. Sondern an die Unfähigkeit der Beamten, einen Konflikt zu bewältigen. Und: "Hätte Binali nicht wie ein Ausländer ausgesehen, wäre alles anders verlaufen." Dienstagabend trauerte die Familie mit 200 Angehörigen der kurdischen Gemeinde dort, wo Binali starb, Ecke Stubenbastei/Zedlitzgasse in der Wiener Innenstadt. Es kam zu berührenden Szenen. Selbst zufällig vorbeikommende Passanten brachen in Tränen aus.

Schizophrenie

Binali I. hatte an paranoider Schizophrenie gelitten, mit unregelmäßigen Schüben, die manchmal aggressiv verliefen. Zu einem Gewaltverbrechen war es nie gekommen, trotzdem informierte Binalis Familie immer die Polizei in ihrem Heimatbezirk Simmering, wenn es so weit war. "Wir hatten in erster Linie Angst, dass er sich selbst etwas antut", so Binalis Schwester.

Samstag hatte Binali wieder einen Schub. Die Polizei wurde wieder informiert. Vergeblich. Binali war schon weg, ohne Schuhe, ohne Geld, ohne Ausweis. Stunden später kam es in der City zu dem tödlichen Zwischenfall.

Die Staatsanwaltschaft Wien hat Vorerhebungen gegen den Schützen eingeleitet. Auch die Obduktion des Toten soll Aufschlüsse über den Hergang bringen. Unter anderem wird überprüft, ob vor Abgabe der Schüsse tatsächlich - wie vorgeschrieben - "gelindere Mittel" wie Pfefferspray zum Einsatz kamen.

Der Fall stellt für die Grünen auch die Schießausbildung der Polizei infrage. Erst vor wenigen Wochen kritisierte ein Kriminalist, der im Mai 2000 einen vermeintlichen (unbewaffneten) Drogendealer irrtümlich erschossen hatte, vor Gericht die mangelhafte Schießausbildung. Im Schnitt absolviere jeder Polizist pro Jahr nur 250 Trainingsschüsse. Der sichere Waffenumgang sei ohne private Zusatztrainings kaum zu gewährleisten. Der Beamte wurde vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. (Michael Simoner/DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2002)

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