Geborgen im Sound der Natur

6. September 2002, 01:39
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"Unplugged" ist oft genug die Avantgarde des Kitsches

Unplugged sind Musiker, die versuchen, uns ohne Unterstützung durch "elektrische" Hilfsmittel zu befriedigen. Knapp 30 Jahre nachdem Bob Dylan durch sein Einstecken für Verstörung unter den Schafen der Folkgemeinde sorgte, hat MTV zunächst Squeeze, Syd Strow und Elliot Easten von den Cars und dann auch gleich Eric Clapton breitenwirksam vom Netz genommen. Der unverstärkte Clapton war dann auch gleich Grammy-Winning - und eine kommerziell ungemein erfolgreiche Schiene war geboren: Alanis Morisette gab Ironic akustisch zum Besten, Bryan Adams Sommer of '69.

Für die Herren von Kiss hieß unplugged "ungeschminkt". Curt Cobain kündigte noch im diesseitigen New York an: Jesus Wants Me For A Sunbeam, bevor er sich dann mithilfe einer Schrotflinte recht dramatisch selbst vom Netz nahm. Jesus selbst gibt es auch schon unplugged. Auf der Site www.jesusunplugged.org gibt er sich basisdemokratisch: "Jesus Unplugged is about unplugging Jesus from the institutional church and bringing him into our everyday lifes." Die Site ist offen für allerlei Überzeugungen: ". . . from devout Catholic to Agnostic Episcopalien to Quaker to Unitarian Universalist to Buddhist." Und auch Gott Dylan hat sich vom Unplugged-Virus wieder zum Ausstecken anstecken lassen. Weniger dramatisch als Curt Cobain und vor allem recht inkonsequent geben sich die Wiener der Todessehnsucht hin: Kaum dass irgendwo "aus'gsteckt is'", üben sich die Hauptstädter unter dem Einfluss lega- ler bewusstseinstrübender Subsstanzen ganz ohne E-Gitarre, Hallgerät und Elektroorgel in wehmütigen Hymnen auf den Tod. Touristen empfinden das meist ähnlich authentisch wie MTV-Freunde Rod Stewarts kontrolliert biologisches Tonight's The Night (Gonna Be Alright). Unplugged meint "zurück zur Natur". Und so ist es oft recht gewöhnungsbedürftig, wenn die Stars singen, als lebten sie immer noch in Bodenhaltung.

Ohne Hightech-Nachbearbeitung klingt etwa Lauryn Hill tatsächlich wie eine von uns. Oder wie einer jener Autoren ohne Zahl, die in gnadenlosen Selbstlesungen kubistisch-dekonstruktivistische Analysen ihrer Satzgefüge veranstalten. Das ist erstens recht sympathisch, und zweitens kann derart gar keine Pointe verraten werden.

Das größte Gehege für naturnahe Künstlerhaltung ist Afrika: Dort lässt der zivilisierte G8-Mensch seine Weltmusik heranwachsen. Für gutes Gedeihen sorgen ein bisschen Not und die Obacht darauf, dass nicht irgendein blindwütiger Missionar PCs und Kuchen einschleppt. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Printausgabe, SPEZIAL, 5.9.2002)

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