Zank um Fränkli für das Pfauen-Hüsli

4. September 2002, 22:25
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Unterschiedliche Signale in Sachen Marthaler-Absetzung in Zürich - Mit Kommentar

Zürich - Während sich in Zürich wie im befreundeten Ausland der Unmut über die brüskierende Entlassung von Schauspielintendant Christoph Marthaler immer vernehmlicher Luft macht, mehren sich zugleich die Anzeichen einer Entscheidungsumkehr. Noch tauschen Verwaltungsrat und Intendanz Empörungsnoten aus. Doch während Marthaler ungewöhnlich wortreich einbekennt, jegliches "Vertrauen in den Verwaltungsrat verloren" zu haben, basteln die Verständigeren unter den Theateraufsehern an Lösungsvorschlägen.

So soll Jean-Pierre Hobi, Kulturbeauftragter des Zürcher Oberbürgermeisters, die Einrichtung eines Sperrkontos zugunsten des Schauspielhauses angeregt haben. Auf diesem könnte der Mehrbedarf für 2003 und 2004 von rund vier Millionen Schweizer Franken (2,72 Mio Euro) gelagert werden.

Noch trägt die helvetische Debatte bekenntnishafte Züge. Auf einer Protestkundgebung im Theaterhaus Gessnerallee, zu der Ex-Zeit-Chefredakteur Roger de Weck sowie der Autor Adolf Muschg geladen hatten, fanden sich rund 2000 solidarische Gäste ein. Und während Marthaler rhetorisch nachfragt, wo denn das Geld in den letzten beiden Jahren "wirklich" versickert sei, argwöhnt seine Chefdramaturgin Stefanie Carp bereits, dass die missliche Finanzlage "am Pfauen" nur vorgeschoben würde.

In der Zwischenzeit wurde eine "task force" eingesetzt. Unter der Federführung von de Weck sinnt man über Geldbeschaffungsmaßnahmen nach: Gedacht wird u. a. an die Auflage von Generalabonnements zum Mäzenatenpreis von 800 Franken und an Kunstversteigerungen.

Ganz anders der geharnischte Kommentar des Zürcher Stadtrats: Er stehe hinter dem Entscheid des Verwaltungsrates. Angesichts der dramatischen finanziellen Lage des Schauspielhauses gehe es nun darum, dessen Überleben zu sichern. Ob die kommende Saison - trotz Sparprogramm - finanziert werden könne, sei unsicher. Und man rechnet vor: Für 25 Millionen Franken (17 Mio Euro) sei der Pfauen saniert worden; 50 Millionen Franken an Darlehen und 9,5 Millionen à fonds perdu seien in die Schiffbauhalle geflossen. (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2002)

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