Begegnung im Morgengrauen

4. September 2002, 19:06
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Eine lange Nacht im Luxushotel zu ebener Erd' und im ersten Stock

Warten. Warten. Warten. SMS schicken. Rätselraten über Schüssels Coiffeur-Experimente. Warten. Auftritt Dagmar Koller. Getuschel. Warten. Im Rudel die Treppe hochstürzen und FP-Vorstände auf dem Weg zur Toilette abfangen. Warten. Schlafen am Boden eines Luxushotels. Staunen über 14,60 Euro für zwei G'spritzte in der Bar des Wiener "Plaza". Zwölf Stunden lang.

Einen Stock höher rangen rund 40 Mitglieder des FPÖ-Parteivorstandes von Dienstagabend, 18 Uhr bis Mittwochfrüh, sechs Uhr um eine gemeinsame Linie: Statt warten reden, streiten, rauchen, schreien, kalmieren, Kaffee trinken, vermitteln, gähnen, diskutieren, die Medienmeute vor der Tür wissen - und wortkarg abspeisen.

Hauptinformationsquelle und Zeitmessgerät wurden dann SMS, die Sitzungsteilnehmer an ihre im Foyer wartenden Mitarbeiter absetzten: "Mein Chef hat mir vor einer halben Stunde gesmst, jetzt geht's erst richtig los." Es war halb vier Uhr früh. Ein Ministersprecher tippte auf noch zwei Stunden, ein anderer auf eine. Man setzte auf die goldene Mitte. Noch eineinhalb Stunden. Hunger, Durst. Ein Stück Parmesan lag hinter Glas.

Für etwas Glamour in der Nacht des eventarmen Wartens sorgte kurzfristig der pompöse Einzug von Dagmar Koller samt Entourage in der Hotelbar des Plaza.

"Rein zufällig" war auch der frühere Wächter über die FPÖ-Parteikasse, Gilbert Trattner, an der Hotelbar.

Wer zwölf Stunden Warten absolvieren muss, landet früher oder später an der Gerüchtebörse oder bei den kleinen Dingen des Alltags. Etwa dem neuen Haar-Outfit des Bundeskanzlers im ORF-Sommergespräch. "Im Ministerrat heute Mittag hat der doch noch anders ausgeschaut", konstatierten die überraschten Journalisten.

Als dann Justizminister Dieter Böhmdorfer die Sitzung gegen 23 Uhr für eine Stunde verließ, wurde prompt gemunkelt, Jörg Haider könnte in Wien sein und von seinem Freund Auge in Auge informiert werden - oder aber Böhmdorfer sei zu seiner Frau gefahren, um ihr O.K. für seine Vizekanzlerschaft einzuholen. Am Tag danach gab es eine profanere Erklärung: ein Termin mit einem deutschen Minister.

Haider war nicht in Wien, sondern mit New Yorker Gastkindern in Velden. Während Parteichefin Riess-Passer die Partei bändigen wollte, versuchte Haider es auf dem Rücken eines Rodeobullen. Er wurde übrigens abgeworfen. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2002)

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