Währungsreserven nicht mehr tabu

4. September 2002, 19:25
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Studie: Seit Einführung des Euro sind 30 bis 50 Prozent als überschüssig zu betrachten

Wien - Seit Einführung der europäischen Einheitswährung sind etwa ein Drittel bis die Hälfte der Währungsreserven des Eurosystems als überschüssig zu betrachten. Das wären 130 bis 170 Mrd. Dollar (bis 170,6 Mrd. Euro). Der österreichische Anteil an diesem Überschuss beläuft sich auf neun bis zwölf Mrd. Dollar. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Europafragen der Wirtschaftsuniversität Wien über "Überschüssige Währungsreserven im Eurosystem".

Als wichtigste Gründe für den Überschuss führt die Studie den "Wegfall" eines großen Teils des Außenhandels an, da der Handel innerhalb von Euroland aus monetärer Sicht Binnenhandel ist. Außerdem bestünde innerhalb des Währungssystems auch keine Notwendigkeit der Wechselkursstabilisierung.

Politische Entscheidung

Die Vorschläge zur alternativen Verwendung der Währungsreserven, die von der Tilgung von Staatsschulden über die Finanzierung eines Fonds zur Forschungs- und Bildungsförderung bis zur Finanzierung einer Steuerreform reichen, seien - so die Studienautoren (Harald Badinger, Fritz Breuss, Barbara Dutzler und Stefan Griller) - nicht grundsätzlich zurückzuweisen. Welche Variante gewählt werde, sei schließlich eine politische Entscheidung.

Der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, Klaus Liebscher, wollte zu dem Ergebnis der Untersuchung nicht Stellung nehmen, da er die Details noch nicht studiert habe. Grundsätzlich gebe es aber keine empirischen Beweise für das Ausmaß an verzichtbaren Währungsreserven. "Nach dem 11. September waren alle dankbar, dass wir genügend Währungsreserven zur Wechselkursstabilisierung hatten."

Sein früher öfter gebrauchtes Argument, wonach Österreich seit dem Start des Euro Anfang 1999 ebenso wie die anderen Euroländer nicht mehr über seine Währungsreserven frei verfügen könne, wiederholte er nicht. Aus gutem Grund, denn es wird in der Studie klar widerlegt.

Gemäß Artikel 31 des Statuts des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) bedürfen Reservetransaktionen der nationalen Zentralbanken, die eine bestimmte - laut Liebscher geheim gehaltene - Höhe über- steigen, der Genehmigung durch die Europäische Zentralbank (EZB). Eine solche Genehmigung könnte allerdings nur verweigert werden, wenn die avisierte Maßnahme als inkonsistent mit der Geld- und Wechselkurspolitik der EZB zu erachten sei. Da bei einer gut geplanten Reservereduktion damit nicht zu rechnen sei, wäre eine Verweigerung der EZB nur sehr schwer zu rechtfertigen. (Günter Baburek, DER STANDARD, Printausgabe 5.9.2002)

  • Die Oesterreichische Nationalbank würde sich nur ungern von Währungsreserven trennen. Es gibt keine Erfahrungswerte für das Ausmaß, auf das verzichtet werden könnte, heißt es.
    foto: photodisc

    Die Oesterreichische Nationalbank würde sich nur ungern von Währungsreserven trennen. Es gibt keine Erfahrungswerte für das Ausmaß, auf das verzichtet werden könnte, heißt es.

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