Turbulenzen über dem Atlantik

4. September 2002, 17:40
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In der Frage, wie mit dem Terror umzugehen sei, hängen die USA und Europa oft unterschiedlichen Ansichten an

Wien - Alle reden von amerikanisch-europäischen Streitereien, doch siehe da: Die öffentliche Meinung zu den großen politischen Themen scheint diesseits und jenseits des Atlantiks viel homogener zu sein, als dies die Hahnenkämpfe der Politiker glauben machen. Das legt zumindest eine umfangreiche Umfrage nahe, die die German Marshall Foundation, ein der Förderung der transatlantischen Beziehungen verpflichteter Thinktank, unter fast 10.000 Amerikanern und Europäern durchgeführt hat. (der STANDARD berichtete).

Da zeigt sich denn etwa, dass drei Viertel der Amerikaner und der Europäer gleichermaßen für die Anwendung militärischer Gewalt in genau definierten Situationen sind (Angriff auf Terroristen- lager, Geiselbefreiung) oder sich annähernd die gleiche Anzahl der Befragten - 77 Prozent der Amerikaner, 76 Prozent der Europäer - für eine Stärkung der UNO ausspricht.

Diese Umfrage kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Jahr eins nach dem 11. September 2001 von eine Reihe europäisch-amerikanischer Missstimmungen gekennzeichnet war. Wird aus europäischer Perspektive oft die vermeintliche unilaterale Hybris der Bush-Regierung als dominierendes Übel eingestuft, stoßen sich viele US-Meinungsbildner an der angeblichen europäischen Laschheit in der Terror-Frage. "Wollen Sie wissen, wo unsere wirklichen Freunde in Europa sind?", beklagt sich der Publizist Charles Krauthammer im konservativen Weekly Standard bitter. "Dann gehen Sie auf die Höhe des ehemaligen Eisernen Vorhangs und von dort aus dann Richtung Osten."

Militärische Kluft

Vor allem die Auswirkungen der September-Attacke auf die US-Psyche werden in Europa oft sträflich unterschätzt. Die Verletzung ist sehr tief gegangen und noch lange nicht ausgeheilt - was auch manche rhetorische Ruppigkeit der US-Führungsriege in milderem Licht erscheinen lässt. Umgekehrt bestärkt die zunehmende Kluft in den militärischen Kapazitäten der Nato-Verbündeten die Amerikaner in ihrer Neigung, sich im Antiterrorkampf in erster Linie auf ihre eigenen Ressourcen zu verlassen. Gegen den Einsatz militärischer Mittel haben, wie erwähnt, auch viele Europäer nichts, nur wollen sie sich den Spaß nichts kosten lassen: 33 Prozent von ihnen sprechen sich für eine Kürzung der Militärbudgets aus, bei den US-Befragten sind es nur 15 Prozent.

Fraglich ist, ob die europäisch-amerikanischen Turbulenzen vorübergehender Natur sind oder ob sie sich auf Dauer störend bemerkbar machen werden. Für die erste These spricht, dass die Nato angesichts des Umstands, dass sie seit ihren Anfängen in periodischen Abständen für tot erklärt wird, immer noch recht lebendig wirkt.

Der Politologe Francis Fukuyama hingegen meint, dass der Terror wie ein Katalysator wirke und die Unvereinbarkeiten einer "unilateralen" amerikanischen und einer "multilateralen" europäischen Denkweise immer schärfer hervortreten lasse. Ein Ende der Streitigkeiten, so Fukuyama, sei nicht in Sicht, und letztlich stünde sogar der Begriff des "Westens" und seiner Werte selbst zur Debatte. Der Mann, der einst das Ende der Geschichte kommen sah, hat sich freilich schon einmal massiv getäuscht. (Christoph Winder/DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2002)

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    Der 11. September hat eine Reihe von Differenzen ausgelöst - ob vorübergehend oder auf Dauer, ist dabei noch unklar.

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