US-Einfluss auf Österreichs Wirtschaft kleiner als erwartet

4. September 2002, 14:29
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Umfrage: Heimische Unternehmen blicken zuerst nach Deutschland

Wien - Nur 56 Prozent der Entscheidungsträger für den juristischen Bereich in den größten österreichischen Unternehmen sehen einen starken Einfluss der USA auf die wirtschaftliche Entwicklung in Österreich. Das sei überraschend wenig, sie habe eher mit einem Prozentsatz zwischen 80 und 90 Prozent gerechnet, sagte Marktforscherin Sophie Karmasin am Mittwoch in Wien bei der Vorstellung einer Studie über den Einfluss der USA auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung in Österreich, die im Auftrag der Wirtschaftskanzlei Binder Grösswang durchgeführt wurde.

Laut Karmasin könnte dies unter anderem damit zusammenhängen, dass heimische Unternehmen zuerst auf Deutschland blicken. Der Einfluss der USA auf die wirtschaftliche Entwicklung in Österreich wird von den Befragten hauptsächlich auf die Globalisierung bzw. die internationale Vernetzung der Firmen zurückgeführt (16 Prozent). Die USA wird weiters als die tonangebende Weltmacht gesehen (13 Prozent) und habe Vorbildfunktion (8 Prozent). Ein starker Einfluss wird auch den US-Standards in der Rechnungslegung und Bilanzierung sowie den Firmenübernahmen durch US-Konzerne (jeweils 7 Prozent) zugesprochen.

Von den befragten Unternehmen haben weniger als die Hälfte (44 Prozent) Geschäftsbeziehungen mit den USA. 13 Prozent dieser Unternehmen gaben an, dass sich die Geschäftsbeziehungen als Folge des 11. Septembers geändert haben, wobei 76 Prozent oder 13 Unternehmen davon meinten, dass sie sich verschlechtert haben.

Unternehmenskultur

Laut Umfrage, die unter 300 leitenden Managern der 1.000 größten österreichischen Unternehmen durchgeführt wurde, gehen 39 Prozent der Befragten weiters von einen bedeutenden Einfluss der USA auf die heimische Unternehmenskultur und 36 Prozent von einem eher geringen Einfluss auf die politische Entwicklung in Österreich aus. Keinen oder kaum einen Einfluss der USA auf die politische oder wirtschaftliche Entwicklung in Österreich sehen demnach 29 Prozent.

Überrascht zeigte sich Rechtsanwalt Michael Binder darüber, dass die Befragten mehrheitlich (57 Prozent) keine Vorbildfunktion der US-Arbeitsweise für Beratungsunternehmen und Wirtschaftskanzleien in Österreich sehen. In der Praxis habe er eine ganz andere Erfahrung gemacht. Als Beispiele wies Binder auf die "due diligence"-Prüfung und umfangreicheren Gewährleistungsbestimmungen bei Unternehmenskäufen hin. Beides sei vor 20 Jahren im nichtangelsächsischen Raum noch unbekannt gewesen.

Keine Vorbildwirkung beim Kartellrecht

Mit angelsächsischen Konzepten werde man sich auch in Zukunft fortgesetzt beschäftigen müssen, diese müssten aber nicht 1 zu 1 übernommen werden, sagte Binder. Keine Vorbildfunktion der USA sieht Binder Grösswang-Partner Michael Kutschera etwa beim US-Kartellrecht, wo sich die Mitbewerber "zu Tode" klagen würden. Keinen Einfluss hat seiner Meinung nach das europäische Recht in den USA. Generell würden aber globalen Regelungen, etwa durch die WTO, zunehmen. Ein Zusammenwachsen von US- und europäischen Recht sei aktuell vor allem auf modernen Gebieten, etwa bei Kapitalmarktgesetzen, zu beobachten. (APA)

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