Kühler Kopf beim Umstellen

4. September 2002, 17:04
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Unternehmen lassen sich von neuer Abfertigungsregel nicht drängen

Wien - Die neue Abfertigungsregelung versetzt offenbar nicht alle heimischen Unternehmen in Stress: Laut einer Gallup-Umfrage im Auftrag der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien hat bis jetzt nur die Hälfte der Firmen den arbeitsreichen Weg zur Umstellung beschritten. Zum Jahreswechsel gilt die neue Regelung schon.

Gleichzeitig erwägt aber mehr als die Hälfte der befragten 500 Unternehmens- und Finanzchefs, den Mitarbeitern einen Umstieg ins neue System anzuraten. Das ist nicht verwunderlich, denn es bringt den Unternehmen Vorteile: Einerseits können die Rückstellungen für die Abfertigungen ausgeräumt werden, was die Bilanzen schönt und einer Forderung internationaler Analysten entspricht. Kleinere Betriebe entgehen damit außerdem einer möglichen Liquiditätsfalle, wenn im Zuge von Rationalisierungen oder vielen Pensionierungen Zahlungen in großem Umfang plötzlich fällig werden.

Ob die Arbeitnehmer allerdings umsteigen wollen, bleibt fraglich. Wirklich lohnend ist das nur bei voraussichtlich hoher künftiger Berufsmobilität. Verbleib im alten System oder Einfrieren der Ansprüche mit späterem Übertritt sind für die meisten am lukrativsten.

"Nachdenkjahr 2003"

Insgesamt rechnen Wirtschaftsprüfer mit einem "Nachdenkjahr" 2003. Dass Unternehmen in Massen ihre zu 25 Prozent wertpapiergedeckten Rückstellungen - das sind zusammen sechs Mrd. Euro - gleich auflösen, erwartet im niedrigen Zinsumfeld niemand. Davor warnt auch der Vizegeneraldirektor der Raiffeisenlandesbank, Robert Gruber, vor allem bei Firmen mit jungem Mitarbeiterstand. Aus Steuergründen empfiehlt er, erst 2004 den Umstieg - dafür sind schriftliche Vereinbarungen nötig - anzubieten.

Überwiegend haben sich die Unternehmen bis jetzt gegen einen Verkauf der Abfertigungs-Wertpapiere ausgesprochen. Rund 1,5 Mrd. Euro könnten auf den heimischen Anleihenmarkt zurückfließen, was rund 0,5 Prozent Kursverluste bedeuten würde. Andererseits müssen sich aber auch die neuen Mitarbeitervorsorgekassen (MVK) veranlagen, was einen Ausgleich schaffen könnte.

Konzessionen

Zehn MVK haben sich bei der Finanzmarktaufsicht (FMA) um Konzessionen beworben. Nach der Aufregung der vorigen Wochen, wonach Unternehmen wegen noch fehlender Konzessionen keine Verträge verhandeln können, kommt nun offenbar Tempo in die Sache: Beteiligten zufolge dürfte die FMA Mitte September gleichzeitig die Berechtigungen aussprechen. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe 5.9.2002)

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