"Das ist ein echter Skandal in Deutschland"

5. September 2002, 17:45
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Kritik Schlöndorffs an deutscher Filmindustrie - Zwei Unternehmen würden den Markt dominieren und investierten nur in TV-Produktionen

Venedig - Der Regisseur Volker Schlöndorff hat in Venedig scharfe Kritik an der deutschen Filmindustrie geübt. Statt auch auf große Kinoproduktionen zu setzen, investierten die Deutschen fast ausschließlich in Fernsehfilme. "Das ist ein echter Skandal in Deutschland", sagte der 63-jährige Schlöndorff in Venedig. "Die deutsche Filmproduktion wird zu 90 Prozent von zwei Unternehmen beherrscht, von der früheren Kirch-Gruppe und von Bertelsmann. Beide investieren nur im Fernsehen", betonte der Regisseur.

Keine Produzenten "mit Ehrgeiz für großes Kino"

"Dies ist das Problem in Deutschland. Jeder, der Filme machen will, hängt von Kirch oder von Bertelsmann ab", meint Schlöndorff, "als Folge haben junge Talente und Absolventen der Filmschulen keine Chance, sich über das Fernsehen hinaus zu entwickeln." Es gebe keine Produzenten "mit Ehrgeiz für großes Kino". Das sei aber eine sehr "kurzfristige Sichtweise". Weiter meinte Schlöndorff: "An Geld mangelt es dagegen nicht: Es werden Millionen Euro aus Deutschland in amerikanische Filme investiert."

Nächstes Filmprojekt: "Die Päpstin"

Zugleich teilte der Regisseur Details über sein nächstes Filmprojekt mit. Es ist ein Streifen über die angebliche Päpstin Johanna von Ingelheim aus dem Mittelalter. "Nach der Legende handelt es sich um ein kluges junges Mädchen, das mit 12 Jahren lesen und schreiben und Latein konnte. Dann rasierte es sich die Haare ab und trat unter dem Namen seines Bruders in ein Mönchkloster ein." Später sei Johanna nach Rom geschickt worden, "machte Karriere und wurde zum Papst gewählt. Bei einer Prozession gebar sie dann ein Kind."

Die historisch umstrittene Geschichte basiert auf einem Roman. Offiziell bestreitet der Vatikan, dass es je einen weiblichen Papst gegeben hat. "Niemand weiß, ob die Geschichte wirklich so passiert ist", räumt auch Schlöndorff ein. Wer die Hauptrollen spielt, sei noch unklar. "Es wird eine teure Produktion werden. Daher braucht es eine Starbesetzung", sagte der Regisseur. Mit dem Drehen werde im nächsten März begonnen.

Immer in Übung bleiben

In Venedig ist Schlöndorff mit dem Kollektivfilm "Ten Minutes older - The Cello" präsent. Acht Filmemacher, darunter Jean-Luc Godard, Mike Figgis und Michael Radford, schufen dafür jeweils einen zehn Minuten dauernden Kurzstreifen zum Thema "Zeit", der innerhalb nur weniger Tage gedreht werden musste. Schlöndorff lieferte Alltagsszenen aus der Ex-DDR. "Es ist wunderbar, etwas in so kurzer Zeit fertig zu stellen. Dies ist die ideale Form, um in den langen Jahren der Pause zwischen großen Produktionen in Übung zu bleiben." Früher habe er zeitweise jedes Jahre einen Spielfilm gedreht, jetzt dauere es immer länger. "Es geht mir wie den Athleten. Man muss immer am Laufen bleiben", sagte der Regisseur. (APA/dpa)

  • Volker Schloendorff
    foto: der standard/rudolf semotan

    Volker Schloendorff

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