Der böse schwarze Mann und die Politik des IWF

3. September 2002, 19:31
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Warum die in der westlichen Presse fast einhellig vermittelte Auffassung, wonach Präsident Robert Mugabe der allein Schuldige am Elend Simbabwes sei, der Realität nicht standhält - ein Kommentar der Anderen von George Monbiot

Der böseste Mann auf Erden nach Saddam Hussein und Osama Bin Laden ist Robert Mugabe, der Präsident von Simbabwe - zumindest nach Ansicht der meisten westlichen Medien.

Vor kurzem hat Mugabe verfügt, dass 2900 weiße Farmer ihr Land verlassen müssen, und angekündigt, ihren Besitz an landlose Bauern zu verteilen. In Wirklichkeit hat er viele der konfiszierten Farmen an Offiziere und ergebene Parteifunktionäre verteilt. Zwölf weiße Farmer sind bereits getötet worden, viele andere wurden verprügelt. Im vergangenen März hat Mugabe mit manipulierten Stimmzetteln und unter Einschüchterung seiner politischen Gegner das Ergebnis der Wahlen gefälscht.

Manche Zeitungskommentatoren sehen in Mugabes Übergriffen gegen die weißen Farmer auch die Hauptursache für die derzeitige Hungersnot in Simbabwe und kritisieren, dass er nun sogar "Lebensmittelhilfe als politische Waffe" einsetze. Offenbar erfüllt Mugabe wirklich alle Voraussetzungen für das Prädikat "drittbösester Mensch der Welt".

Vertreibungen ...

Dass Mugabe ein skrupelloser Rassist ist, dessen Politik die Simbabwer nur ärmer macht, steht außer Zweifel. Aber ihn wegen seiner Landkonfiskationen als Hauptverantwortlichen für die Hungersnot im Land hinzustellen ist lächerlich. Zwar besitzen die 4500 weißen Farmer zwei Drittel des besten Landes, aber viele von ihnen bauen gar kein Getreide an, sondern Tabak. Siebzig Prozent des Maises - der wichtigsten Getreidepflanze des Landes - werden von schwarzen Bauern angebaut, die ihr Leben auf kümmerlichen Flecken fristen müssen, die ihnen die Weißen überlassen haben.

Die Enteignung der weißen Farmen ist brutal und ungesetzlich. Trotzdem ist sie nur eine kleine Szene in der großen Tragödie, die sich heute weltweit vor unseren Augen abspielt: Jahr für Jahr werden Millionen Bauern gezwungen, ihr Land zu verlassen - mit verheerenden Folgen für die Lebensmittelversorgung. Über sie schreibt niemand tränenselige Schilderungen vom letzten Besuch am Grab der Kinder. Wenn sie überhaupt in den Medien vorkommen, dann meist nur als unvermeidliche Opfer des ökonomischen Fortschritts.

Vor zehn Jahren habe ich die Enteignungen untersucht, die ein anderes Mitglied des Commonwealth in Afrika finanzierte und organisierte: Kanada hatte dafür bezahlt, dass es das Hochland von Basotu in Tansania umpflügen und mit Weizen bepflanzen durfte. Weizen wurde in Tansania nur von den Weißen gegessen, aber indem Kanada gerade dieses Getreide und nicht etwa Mais, Bohnen oder Maniok anpflanzte, konnte es sich Verträge mit kanadischen Chemie- und Maschinenbauunternehmen sichern, die weltweit Marktführer in der Weizenverarbeitung waren.

Für das Projekt war die Enteignung aller vierzigtausend Angehörigen des Stammes der Barabaig erforderlich. Wer versuchte, auf sein Land zurückzukehren, wurde von den Mitarbeitern des Projekts eingesperrt und mit Elektroschocks gefoltert. Es gab auch Massenvergewaltigungen von Frauen.

Zum ersten Mal seit hundert Jahren waren die Barabaig unterernährt. Als ich mit einer der Projektleiterinnen über diese Dinge sprach, sagte sie aber nur: "Ich weine keinem eine Träne nach, solange es hier nur vorangeht!" Die Presse der reichen Welt vertrat nahezu geschlossen denselben Standpunkt.

Heute wird von einem anderen Mitglied des Commonwealth, dem Vereinigten Königreich, ein noch viel größeres Projekt im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh finanziert. An die zwanzig Millionen Menschen sollen dort enteignet werden. Auch diese Barbarei wurde bisher von den meisten Medien ignoriert.

... für den Fortschritt

Hier geht es um dunkelhäutige Menschen, die von Weißen vertrieben, nicht um Weiße, die von Schwarzen davongejagt werden. Sie nehmen damit den Platz ein, der ihnen von Rechts wegen gebührt: als unsichtbares Hindernis für die Projekte der reichen Welt. Mugabe ist ein Ungeheuer, weil er diese natürliche Ordnung auf den Kopf stellt.

Aber durch den Internationalen Währungsfonds (IWF), die Weltbank und die bilateralen Hilfsprogramme mit ihren Vorzugsbedingungen sind es in der Tat die Weißen, die Afrika regieren. In einem neuen Bericht der UNO über die Bevölkerungsentwicklung ist die Zahl der Menschen im subsaharischen Afrika, die weniger als einen Dollar täglich zum Leben haben, in den vergangenen zehn Jahren von 242 Millionen auf 300 Millionen gestiegen. Je rigoroser afrikanische Regierungen die von den Weißen verordneten Maßnahmen umsetzen, desto ärmer werden die Menschen.

Nur ein "Unterteufel"

Am gravierendsten ist vielleicht, dass der IWF schwache Nationen nicht nur dazu zwingt, ihre Grenzen für subventioniertes Getreide aus dem Ausland zu öffnen und damit die heimische Agrarindustrie zu zerstören, sondern sie auch daran hindert, Geld für Landreformen auszugeben. Die Verteilung von Land ist aber der entscheidende Faktor für die Nahrungsmittelsicherung. Kleine Farmen sind bis zu zehnmal produktiver als große, weil sie in der Regel intensiver bewirtschaftet werden. Die Regierungen der reichen Welt mögen aber keine Landreform. Sie erfordert nämlich die Intervention des Staates - was den Gott der freien Marktwirtschaft beleidigt -, und sie stört die Großfarmer sowie die Firmen, die sie beliefern.

Nur weil Großbritannien sich weigerte, ein angemessenes Reformprogramm in Simbabwe zuzulassen oder zu finanzieren, konnte es überhaupt zu den politischen Umständen kommen, die Mugabe nun so skrupellos ausnutzt. Das "Lancaster House Agreement" übertrug den Staat Simbabwe an die Schwarzen, die Nation aber an die Weißen. Mugabe macht sich die Enttäuschungen eines enteigneten Volkes zunutze.

Der Präsident von Simbabwe ist nur ein kleiner Unterteufel in der höllischen Politik mit Land und Lebensmitteln. Als der verehrte Nelson Mandela seine Befugnisse an den IWF abtrat, kaum dass er sie dem Apartheidsregime abgerungen hatte, schadete er Afrika möglicherweise genauso schwer wie Mugabe es tut.

Mugabes rassistische Übergriffe gegen die Weißen Simbabwes sind rückhaltlos zu verurteilen - aber nur, wenn wir auch bereit sind, den viel blutigeren Krieg zu verurteilen, den die reiche Welt gegen die Schwarzen führt. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.9.2002)

George Monbiot ist Kolumnist beim Londoner "Guardian" (Schwerpunkte: Dritte Welt, Umweltschutz), schreibt Bücher und Theaterstücke und hält Gastvorlesungen an britischen Universitäten
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