Tödliche Flaschen-Attacke: Hinterbliebene klagen an

4. September 2002, 15:29
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Zweifel an der Notwehr-Version der Wiener Polizei werden lauter

Wien - "Niemand verdient es, so zu sterben. Binali war krank - er war kein Verbrecher." Die Familie von Binali I. (28), der vergangenen Samstag in der Wiener Innenstadt von einem Polizisten erschossen wurde, weil er mit einer Glasflasche auf einen Beamten losgegangen ist, bemüht sich um Klarstellungen. Und klagt an: Nur Stunden bevor sich der tödliche Zwischenfall ereignete, habe man das Bezirkspolizeikommissariat Simmering noch um Hilfe gebeten: Binali - der in Behandlung stand - sei wieder einmal in einem unkontrollierbaren Zustand, man möge ihn abholen. "Die Polizisten dort wussten von seinen Krankheitsschüben", so die Angehörigen.

"Das stimmt", bestätigt Franz Schnabl, Stadthauptmann von Simmering. Man habe den Mann aber nicht mehr angetroffen. Suche wurde keine eingeleitet.

Wie berichtet, attackierte Binali wenig später in einem Kindermodengeschäft eine Verkäuferin und wollte einer Passantin eine Handtasche entreißen, bevor er schließlich von der Polizei gestellt wurde. Barfüßig, in der Hand eine Mineralwasserflasche. Laut Polizei sei der Mann von fünf Beamten nicht zu bändigen gewesen. Die beiden Schüsse - einer davon traf Binali ins Herz - seien in Notwehr abgegeben worden. "Warum ins Herz? Warum nicht in die Beine? Warum können fünf Polizisten einen unbewaffneten Mann nicht überwältigen?", fragen die trauernden Hinterbliebenen. Antworten sucht auch die Staatsanwaltschaft, Ermittlungen laufen. (Michael Simoner/DER STANDARD Print-Ausgabe, 4.9.2002)

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