Kommentar: Erinnerungslücken

3. September 2002, 19:13
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Wer erinnert sich an den Nationalen Aktionsplan für Beschäftigung? - Von Michael Bachner

Die Zahlen sprechen für sich: Mitten in der Hochsaison im August stehen fast 200.000 Österreicher und Österreichinnen ohne Arbeit da - der schlechteste Wert seit 1945. Dramatisch ist der Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit um 23 Prozent, es fehlen immerhin gut 5200 Lehrstellen. Es wird wohl nichts aus dem Versprechen von Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein, der jedem Jugendlichen einen Ausbildungsplatz garantiert hat.

Die Regierung, oder zumindest die halbe Regierungsmannschaft, streitet über Steuerreform, Abfangjägerkauf oder Lohnnebenkosten. Die Arbeitsmarktkrise ist derzeit kein Thema. Anders als in Deutschland ist der nächste bundesweite Wahltermin ja noch ein Jahr entfernt. Wohlweislich hat sich Österreichs Bundeskanzler Wolfgang Schüssel auch nicht auf ein quantifizierbares Arbeitsmarktziel festgelegt. Lediglich Brüssel gegenüber wurde bis Ende 2002 eine Arbeitslosenquote von 3,5 Prozent versprochen. Freilich wird die Arbeitslosenrate heuer bei mindestens vier Prozent liegen, schätzen Experten.

Doch wer erinnert sich noch an den Nationalen Aktionsplan für Beschäftigung - kurz NAP? Erinnern will sich ja auch niemand mehr an Studien, die noch vor ein, zwei Jahren von 30.000 bis 60.000 fehlenden Fachkräften im Bereich der Informations-und Telekommunikationsberufe sprachen.

Etliche Arbeitsmarktexperten meinen nun, auch die jetzige Jobkrise sei nur eine vorübergehende. Mittelfristig, in den Jahren 2004 bis 2010, würden in Österreich aufgrund deutlich schwächerer Geburtenjahrgänge wieder 400.000 Arbeitskräfte fehlen. Die Regierung hört sich's dankbar an. Sie setzt offenbar auf die Ausbreitung von Gedächtnisschwund in der Bevölkerung. Zukunftstaugliche Politikkonzepte hören sich anders an. (DER STANDARD, Printausgabe 4.9.2002)

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