Was zu erwarten war

4. September 2002, 19:10
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Ein Erfolg, ein Misserfolg - meine Güte, was ist das nun ...?

Ein Erfolg, ein Misserfolg - meine Güte, was ist das nun, was da beim UNO-Umweltgipfel herauskommt? Die Europäer wollen erneuerbare Energie stärker fördern, die US-Amerikaner haben aber erreicht, dass andere Energiequellen zur Entwicklung von hinterherhinkenden Nationalwirtschaften nicht verteufelt werden, dass also großtechnische Lösungen und Nuklearstrom im Spiel bleiben. Umwelt- und Handelsrecht sollen gleich wichtig sein - einklagbar bei einer Art Schiedsrichter ist die Sache aber nicht. Sauberes Trinkwasser für Millionen Menschen mehr soll es geben, sogar ein Zeitlimit wurde vereinbart. Wenn's nicht klappt, wird aber kein Staatenlenker deswegen ins Gefängnis müssen. Das sind nur drei Entscheidungen dieses Gipfels, Vereinbarungen mit Einschränkungen.

Was konnte man überhaupt erwarten? Eine vom Süd- bis zum Nordpol verbindliche Rechtsnorm, dass die Umwelt nicht mehr auf diese oder jene besondere Weise versaut werden darf; ein Gerichtshof oder sonst eine nachgerade allmächtige Instanz, die über die Einhaltung dieser Norm wacht und Giftwolken verbietet: Daran konnte niemand denken. Es war klar, dass diese Konferenz sich stets nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen würde können - es gilt das Konsensprinzip.

Die Menschen und die Erde leiden derweil weiter, entgegnen die über die langsame Gangart enttäuschten Aktivisten. Das stimmt, aber es ist auch richtig: Johannesburg war eine große Plattform, auf die anstehenden Probleme komprimiert aufmerksam zu machen, den Verhandlern Einsichten abzuverlangen. Bewusstsein zu schaffen ist noch keine Lösung, aber gar nichts ist es auch nicht. Enttäuscht kann man sein, weil man sich immer mehr wünschen darf - das hält den Druck auf die Regierungen aufrecht, immerhin. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 9. 2002)

Kommentar von Otto Ranftl
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