Analyse: Am Gängelband des Übervaters

3. September 2002, 18:07
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Riess-Passer bleibt Haider verpflichtet - Von Samo Kobenter

In Grunde haben die letzten Tage an der Einschätzung Susanne Riess-Passers nichts geändert: Wie seit ihrem Einstieg in die Politik wird die Vizekanzlerin auch in den kritischsten Stunden ihrer Karriere vor allem daran gemessen, in welchem Stadium der Annäherung oder Entfernung sie sich in ihrem Verhältnis zu Jörg Haider befindet.

Der ehemalige Mentor und aktuelle Widerpart der 41-jährigen Oberösterreicherin stellt wohl die Nemesis ihres politischen Lebens dar. Über Norbert Guggerbauer stieß Riess-Passer 1986 - Haider hatte gerade Norbert Steger von der Parteispitze geputscht - zur FPÖ, wo die gelernte Juristin zunächst die Pressesprecherin gab. Bald schätzte Haider ihren Fleiß, die rasche Auffassungsgabe, vor allem aber die bedingungslose Loyalität, die sie ihm entgegenbrachte. Als einzige Frau wurde sie von der "Buberlpartie" akzeptiert, was ihren raschen Aufstieg noch beschleunigte. Der Gipfel war erreicht, als Riess-Passer anstelle des favorisierten Herbert Scheibner Vizekanzlerin wurde. Seither ging es bergab.

Trotz der vielen Risse, die in der Beziehung zu Haider nach dessen Austritt aus dem Koalitionsausschuss sichtbar wurden - Haider strapazierte die Loyalität Riess-Passers mit gezielten Provokationen - schien ihr beim Parteitag gegebenes Wort zu halten. "Du kannst dich immer auf mich verlassen", hatte Riess-Passer dem Altparteichef versprochen. Damals noch gerührt, wurde sie in den folgenden Monaten kräftig geschüttelt: Beinahe jedes Regierungsunterfangen, zu dem Riess-Passer stand, wurde von Haider in Grund und Boden gestampft. An der Steuerreform zerbrach das Verhältnis endgültig, Riess-Passer schien sich aus der Vormundschaft des Übervaters befreien zu können. Mit ihrer Akzeptanz des Sonderparteitages hat sich die Vizekanzlerin jedoch einmal mehr seinem Willen gebeugt. (Samo Kobenter/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.9.2002)

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