Entschleunigung der Schneckenpost

3. September 2002, 20:13
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Das neue Wiener Verteilzentrum sorgt für Pannen und Chaos - Verzweifelt tasten sich die Postler an den Soll-Speed heran

Wien - "Die Postzustellung wird schneller." Michael Homola ist nicht betrunken. Er leidet auch nicht unter galoppierendem Realitätsverlust. Der Sprecher der Post greift nur nach einem Strohhalm - und der heißt "langfristige Perspektive". Deswegen sagt Michael Homola noch einmal: "Die Postzustellung wird schneller." Nachsatz: "Spürbar." Nachsatz zum Nachsatz (leiser): "Bis Weihnachten."

Schweigen

Über die Gegenwart würde Homola derzeit am liebsten schweigen. Oder einen Brief schreiben. Die Chance, dass der erst beim Empfänger eintrifft, wenn der schon aus dem Fenster gesprungen ist, ist nämlich groß: Schließlich müsste auch Homolas Schreiben durch das neue, zentrale Postverteilzentrum in Wien- Inzersdorf - und das erfüllt derzeit vor allem eine Funktion: die Entschleunigung des Postverkehrs.

Kontinentaldrift

Seit Anfang September ist das 110-Millionen-Euro-Werkel - nach einem monatelangen, pannenreichen Probebetrieb (DER STANDARD berichtete) - im Vollbetrieb. Prompt bricht zusammen, was zusammenbrechen kann: Anstatt die Zustellung zu beschleunigen (die Post träumt von Zustellzeiten von einem Tag) , bremst die Verteilanlage das Tempo der Sendungen auf jenes der Kontinentaldrift - Zeitungsabonnenten warten teils am Mittwoch noch auf die Blätter vom Montag.

Schuld

Schuld, so Homola, seien "Kinderkrankheiten", schließlich kämen täglich vier Millionen Poststücke durch Inzersdorf. "Beim Probebetrieb war es eine Million - das kann man nicht vergleichen."

Wann der Soll-Speed erreicht sein wird, "kann ich nicht sagen, aber es wird besser". Aufgrund des Rückstaus werden manche Postämter am Samstag zustellen. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD Print-Ausgabe, 4.9.2002)

STANDARD-Leserhilfe

Wie die Leser anderer Zeitungen sind auch die Abonnenten des STANDARD massiv von den Ausfällen betroffen. Zu spät zugestellte Zeitungen werden allerdings gutgeschrieben - die STANDARD-Abohotline fährt derzeit Sonderschichten.

Info:
Tel. 0810/20 30 40, Ortstarif

  • Gimme Speed.
    montage: derstandard.at

    Gimme Speed.

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