"Das war der schrecklichste Augenblick in meinem Leben"

3. September 2002, 14:04
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Auch 30 Jahre nach dem Münchener Olympia-Attentat sind noch viele Fragen ungeklärt

München - Als zwei Hubschrauber am 5. September 1972 um 22.35 Uhr auf dem Münchner Militärflughafen Fürstenfeldbruck landen, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. In den Maschinen sitzen acht palästinensische Terroristen und ihre neun Geiseln - Sportler der israelischen Olympiamannschaft. Zwei Palästinenser betreten das Rollfeld, da eröffnen Scharfschützen das Feuer. Die geplante Geiselbefreiung endet in einer wilden Schießerei: Ein Hubschrauber explodiert, der zweite brennt aus, alle Israelis, fünf Geiselnehmer und ein Polizist sterben. Auch 30 Jahre nach dem Attentat bei den Olympischen Spielen von München sind viele Fragen ungeklärt.

Heinz Hohensinn kann die Bilder bis heute nicht verdrängen. "Das war der schrecklichste Augenblick in meinem Leben", betont der frühere Polizist über seinen damaligen Einsatz. "Der schlimmste Moment war, als ein Kollege neben mir getötet wurde, ein Familienvater mit zwei Kindern", sagt Hohensinn, der heute ein Sicherheitsunternehmen in München betreibt.

Die "heiteren Spiele"

Die Bundesrepublik wollte sich 38 Jahre nach den von Nazis 1936 in Berlin missbrauchten Olympischen Spielen in München mit heiteren Spielen präsentieren. Viele Israelis kostete es ohnehin Überwindung, nach Deutschland zu reisen. Polizeipräsident Manfred Schreiber ordnete bewusst minimale Schutzvorkehrungen im Olympischen Dorf an: In der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung" sollten keine Stacheldrähte und Wachposten Erinnerungen an Konzentrationslager wecken.

Daher konnten die Palästinenser von der Terrorgruppe "Schwarzer September" am 5. September kurz vor 05.00 Uhr ohne große Mühe über den Zaun des Olympischen Dorfes in der Conollystraße klettern. Sie dringen in das Quartier der israelischen Mannschaft in Haus 31 ein. Als der wachhabende Polizist Wolfrum erste Schüsse hört, ist Mosche Weinberg schon tot - der Ringer-Trainer wird so wie der Gewichtheber Josef Romano niedergestreckt, als sich beide den Terroristen in den Weg stellen.

Die Palästinenser fesseln die neun anderen Israelis und verlangen die Freilassung von mehr als 200 Arabern aus israelischer Haft. Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher verhandelt den ganzen Tag und erwirkt immer wieder einen Aufschub des Ultimatums. Die Spiele gehen derweil weiter und werden erst um 15.35 Uhr unterbrochen.

Forderungen abgelehnt

Nachdem die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir die Freilassung der Häftlinge ablehnt, gehen die Behörden zum Schein auf den Wunsch der Palästinenser ein, sie nach Kairo zu fliegen. Zwei Hubschrauber bringen sie um 22.22 Uhr mit ihren Geiseln nach Fürstenfeldbruck, wo eine Lufthansa-Maschine wartet. Dort will die Polizei die Geiselnahme gewaltsam beenden. Doch der Einsatz wird zum Fiasko: Lediglich fünf Scharfschützen sind im Einsatz, die zunächst nur zwei Palästinenser treffen. 70 Minuten lang dauert die Schießerei mit den übrigen Geiselnehmern, die die Israelis töten und einen Hubschrauber in die Luft jagen - bis Beamte die überlebenden drei Palästinenser überwältigen.

Die Behörden weisen die Vorwürfe zurück, sie hätten dilettantisch gehandelt. Die offizielle Dokumentation Bayerns und des Bundes rechtfertigt den Einsatz: Die Lage am Flughafen "ließ den zuständigen bayerischen Behörden nur den Versuch einer gewaltsamen Befreiung der Geiseln offen". Auch am Tod der Israelis sei die Polizei unschuldig: "Sämtliche Geiseln sind von den Terroristen getötet worden."

Mangelnde Vorbereitung?

Dennoch bleiben viele Fragen offen. Die Polizei sei für solche Einsätze nicht vorbereitet gewesen, sagt Günter Krause vom Bundesinnenministerium. Hohensinn sagt, einige Teile der Ausrüstung hätten noch aus dem Zweiten Weltkrieg gestammt. Dazu kommt eine Pannenserie: Die Scharfschützen hatten keinen Funkkontakt. Die in dem Lufthansa-Flugzeug als Flugpersonal verkleideten Beamten verließen die Maschine eigenmächtig. Einen ersten Befreiungsversuch im Quartier konnten die Palästinenser im Fernsehen mitverfolgen. Kurz nach dem Attentat zog die Regierung Konsequenzen und stellte für künftige Einsätze dieser Art die Elitetruppe GSG 9 auf.

Wie die Schuldfrage ist auch der Streit über eine Entschädigung nicht endgültig geklärt. Die Hinterbliebenen haben vergeblich durch alle Instanzen geklagt. Das Oberlandesgericht München hat im Jahr 2000 einen Anspruch auf Grund von Verjährung verneint und zudem erklärt, die Angehörigen hätten 1972 eine Million Mark (knapp 500.000 Euro) Entschädigung angenommen.(APA/Reuters)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Bild, das um die Welt ging: Vermummte Terroristen auf dem Balkon des israelischen Quartiers im Olympischen Dorf

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