Wifo-Expertin warnt vor Unterqualifikation Jugendlicher

3. September 2002, 15:02
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Ausbildungsmodule wünschenswert - Verdeckte Quote über zehn Prozent - Lehrstellenmarkt angespannt

Wien - Psychologisch die größten negativen Auswirkungen habe die Jugendarbeitslosigkeit. Jugendliche, die nach ihrer Berufsausbildung länger keinen Arbeitsplatz bekämen, könnten einen Schock bis ans Ende ihres Erwerbslebens erleiden. Betroffen seien traditionelle Ausbildungsberufe mit einem überproportionalen Anteil an Lehrlingen, für die nach der Gesellenprüfung in ihrem Betrieb keine Verwendung mehr sei und die erfolglos auf den Arbeitsmarkt drängen, beispielsweise in der notleidenden Baubranche, aber auch in anderen Berufen.

Zur Überbrückung schlägt Biffl vor, in den Höheren Technischen Lehranstalten (HTL) Ausbildungsmodule anzubieten, in denen sich Gesellen höher qualifizieren können, gegebenenfalls bis zur Maturareife. Praktiziert werde dies bereits ansatzweise in der Tourismusausbildung, wo Fremdenverkehrslehrlinge sich in Berufsbildenden Höheren Schulen weiterbilden können. Wenn nur ein Teil jener 36 Prozent aller männlichen Jugendlichen, die eine praktische Berufsausbildung absolvieren, auf diese Weise höher qualifiziert würden, wäre die Zeit gut angelegt, meinte Biffl.

Die stark gestiegene Zahl ausländischer Arbeitsloser (um 4.712 Personen bzw. 21,9 Prozent) sei hauptsächlich ein Problem der Unterqualifizierung, sagt Biffl. Ausländische Jugendliche hätten oft gar keinen Schulabschluss, da man sie mit dem Versprechen höherer Förderung in die Sonderschulen "gedrängt" habe. "Man hat total vergessen, dass diese Leute ja hier bleiben", so Biffl.

Verdeckte Quote über zehn Prozent

Für heuer erwartet Biffl einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit. Wenn alle Versorgungssysteme durch veränderte Arbeitsmarktmechanismen "ausgehöhlt" seien, schlage sich dies in höherer Arbeitslosigkeit nieder. Wenn man die Nichterwerbsquote zu den in der Arbeitslosenstatistik aufscheinenden "sofort verfügbaren" Kräften dazu zähle, komme man mit der "verdeckten Arbeitslosigkeit" in Österreich auf eine "Rate von deutlich über 10 Prozent einschließlich den "entmutigten Arbeitssuchenden". In dieser Situation sollte die Neuzulassung befristeter Beschäftigter aus dem Ausland besonders zurückhaltend gehandhabt werden, sagt Biffl. Diese Arbeitskräfte dürfen sechs Monate (mit der Option auf weitere sechs Monate) in Österreich arbeiten, dürfen hier aber nicht sesshaft werden.

Lehrstellenmarkt angespannt

Weiter angespannt blieb im August der Lehrstellenmarkt: Während die Zahl der Lehrstellensuchenden zum Monatsende mit 8.489 um 4,8 Prozent über dem Wert des Vorjahres lag, sank die Zahl der beim Arbeitsmarktservice (AMS) gemeldeten offenen Lehrstellen um 17,1 Prozent auf 3.252. Damit klafft am Lehrstellenmarkt derzeit eine "Lücke" von mehr als 5.000 Stellen, geht aus den aktuellen Arbeitsmarktdaten hervor.

Laut den aktuellen Arbeitsmarktdaten stieg im August nach Altersgruppen die Arbeitslosigkeit überall: Während die Arbeitslosigkeit der 15- bis 18-jährigen Jugendlichen mit 4.430 gegenüber dem Vorjahr nur um 6,1 Prozent oder 253 gestiegen ist, entfällt der überwiegende Teil der Zunahme weiterhin auf die 19- bis 24-Jährigen (+5.339 bzw. +23,1 Prozent auf 28.409). Im internationalen Vergleich der Jugendarbeitslosigkeit nehme Österreich mit einer Quote von 7 Prozent (Wert für Juli) weiterhin eine überaus gute Position ein, im EU-Durchschnitt betrage die Jugendarbeitslosenquote 15,5 Prozent (Juni), betont das Ministerium.

Quote der über 60-Jährigen steigt immens

Die Arbeitslosigkeit der über 50-Jährigen ist um 5.418 (+14,3 Prozent) auf 43.213 angestiegen. Dabei nimmt vor allem die Zahl der 50- bis 54-Jährigen mit +1.081 (+5,4 Prozent) deutlich unterdurchschnittlich zu. Die Arbeitslosigkeit der 55- bis 59-Jährigen steigt mit +3.157 (+21,1 Prozent) an. Dem steht jedoch nach wie vor ein kräftiger Anstieg bei den über 60-Jährigen gegenüber (+1.180 oder +41 Prozent auf 4.060), welcher neben demographischen Faktoren auf die geänderten Zugangsbestimmungen in die vorzeitige Alterspension und den entsprechenden Begleitmaßnahmen im Arbeitslosenversicherungsgesetz zurückzuführen ist, so das Ministerium.

Die durchschnittliche Dauer einer Arbeitslosigkeitsepisode ist im August mit 112 Tagen gegenüber dem Vorjahreswert gesunken (116 Tage). Gegenüber dem Juli 2000 ist sie sogar um 26 Tage gesunken. (APA)

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