"Singende Männer sind nackt"

3. September 2002, 13:05
1 Posting

Beifall für Wettbewerbsbeitrag von Doris Dörrie

Doris Dörrie gab sich ganz bescheiden. "Wichtig ist, dabei zu sein", meinte sie, doch dann bekam ihr Film "Nackt" bei der Biennale in Venedig gleich in der ersten Pressevorführung reichlich Beifall. Ein fast schon furioser Start für ihre Beziehungskomödie. Witzige Dialoge, eine gute Story, tolle Szenen - und dann noch mit Stars wie Heike Makatsch, Benno Fürmann und Jürgen Vogel besetzt. Seit langem hat die 47-jährige Regisseurin nicht mehr so locker erzählt, so leicht fabuliert wie in ihrem neuesten Streifen - wenn da nur nicht die kopflastigen Dialoge am Ende wären.

Venedig tut sich schwer mit Komödien, noch schwerer mit Komödien aus Deutschland, von wo man eher Düsteres und Durchdachtes erwartet. "Führer Ex" von Winfried Bonengel, der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag am Lido, trifft da schon eher die Erwartungen, die man an Regisseure aus dem Norden stellt. Stattdessen liefert Doris Dörrie diese selbst verfasste eigenartige Geschichte von drei befreundeten Paaren, bei denen es zwar todernst um die Liebe geht, die dennoch genug Humor und Mut aufbringen, um sich bei einem öden Abendessen auf ein riskantes Spiel einzulassen. Können sich Mann und Frau nach jahrelanger Partnerschaft mit verbundenen Augen, aber nackt erkennen - das Gesicht darf dabei nicht betastet werden.

"Nacktes Erkennen"

"... , das ist ein Spiel, das Gefahr läuft, zum Kult der Festivalbesucher in Venedig zu werden", meint denn auch der Kritiker der römischen Zeitung "La Repubblica" weniger witzig denn ratlos. Die stärksten Szenen des Films sind am Anfang, wenn die drei Paare vorgestellt werden, die kaum ein paar Jahre zusammen sind, aber erkennen müssen, dass sich die Liebe auf unverständliche und grausige Weise zu verflüchtigen scheint, gar ganz zu verschwinden droht.

Doch Doris Dörrie verhindert, dass das ins peinliche Melodrama abrutscht. Da fangen die Männer sogar plötzlich zu singen an. "Männer sind sehr nackt, wenn sie singen", meint die Filmemacherin. Eher zäh bis ermüdend dagegen die langen Dialoge am Schluss: Die Paare müssen mit der Niederlage bei ihrer Wette fertig werden und zugleich wortreich bis tiefgründig Sinn und Wesen ihrer Liebe beschwören. Es ist Doris Dörries erster Wettbewerbsfilm in Venedig, möglicherweise geht er bei der Preisvergabe nicht leer aus. (apa)

  • Szene aus "Nackt"
Boris (Jürgen Vogel), Dylan (Mehmet Kurtulus), Emilia (Heike Makatsch)
    foto: constantin film

    Szene aus "Nackt"
    Boris (Jürgen Vogel), Dylan (Mehmet Kurtulus), Emilia (Heike Makatsch)

Share if you care.