Höchste Arbeitslosigkeit seit 1945

3. September 2002, 19:45
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Neuerlich zweistellige Steigerung im August - Fast 200.000 Menschen haben keinen Job - Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit dramatisch

Wien - Arbeiterkammer und Gewerkschaftsbund werfen der Regierung lauthals Versagen vor, Arbeitsmarktexperten schütteln nur noch den Kopf: Im August, mitten in der Hochsaison, waren nach der neuesten Statistik exakt 199.684 Österreicher und Österreicherinnen arbeitslos, ein Anstieg um 16,6 Prozent.

Experten wie Gudrun Biffl vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) bemühen den Vergleich mit dem bisher schlechtesten Arbeitsmarktjahr 1998: Zwar lag im August 1998 die Arbeitslosenquote mit 5,9 Prozent noch knapp über dem jetzigen Augustwert von 5,8 Prozent, doch in absoluten Zahlen schlage die jetzige Situation alles bisher Dagewesene. Biffl: "Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es im August nie so viele Arbeitslose. Wir werden auch im Jahresdurchschnitt 2002 mit rund 240.000 Arbeitslosen schlechter als 1998 liegen."

Wie in den Vormonaten war auch im August der Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit besonders signifikant. Während die Arbeitslosigkeit der 15- bis 18-jährigen Jugendlichen mit 4430 gegenüber dem Vorjahr nur um 6,1 Prozent oder 253 anstieg, entfiel der überwiegende Teil der Zunahme weiterhin auf die 19- bis 24-Jährigen. In dieser Altersgruppe stieg die Arbeitslosigkeit um 5339 Betroffene oder 23,1 Prozent auf 28.409.

Angespannte Situation auf dem Lehrstellenmarkt

Aber auch auf dem Lehrstellenmarkt ist die Situation angespannter als in den letzten Jahren, als jeweils rund 4000 Lehrstellen fehlten und mit teuren "Auffangnetzen" gekontert wurde. Derzeit kommen 8489 Lehrstellensuchende (plus 4,8 Prozent) auf nur 3252 (minus 17,1 Prozent) offene Lehrstellen. AK-Präsident Herbert Tumpel fordert denn auch 100 Millionen Euro Soforthilfe für die Ausbildung der Jugend. ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch sagte: "Die Regierung hat bisher alles dem Marketinggag Nulldefizit untergeordnet und damit den österreichischen Arbeitsmarkt sehenden Auges an die Wand gefahren."

Arbeitsmarktexperte Helmut Hofer, vom Institut für Höhere Studien (IHS), führt die Krise auf dem Arbeitsmarkt auf die flaue Kon- junktur zurück. Hofer zum Standard: "Das ist die Fortsetzung des negativen Gesamttrends im heurigen Jahr. Die Konjunkturflaute spiegelt sich auf dem Arbeitsmarkt wider. Wir haben aber in den letzten zehn Jahren auch keine zwei aufeinander folgenden Jahre gesehen, in denen das Bruttoinlandsprodukt nur um jeweils ein Prozent gewachsen ist wie 2001 und heuer."

10.000 Jobs weniger Betroffen sind vom Anstieg der Arbeitslosigkeit alle Bundesländer, Alters- und fast alle Berufsgruppen. Auch die Beschäftigung nimmt ab. Zwar verkündet Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein für den August einen Anstieg der Beschäftigung um 9890 Jobs oder 0,3 Prozent. Doch in diesem Wert sind die steigenden Zahlen der Karenzgeldbezieherinnen und Präsenzdiener nicht miterfasst. IHS-Experte Hofer sagt, in "Wirklichkeit" liege die Beschäftigung im August um rund 10.000 Jobs unter dem Wert des Vorjahres. Derzeit würden "sehr viele Vollzeitjobs vernichtet" und durch Teilzeitarbeitsverhältnisse ersetzt.

Psychologisch gesehen die größten Negativauswirkungen habe die Jugendarbeitslosigkeit, sagt Wifo-Expertin Biffl. Sie verweist etwa auf Gesellen, die in ihren Ausbildungsbetrieben keine Verwendung fänden. Biffl schlägt Ausbildungsmodule an Höheren Technischen Lehranstalten vor, in denen sich Gesellen, statt arbeitslos zu sein, höher qualifizieren könnten. (miba, DER STANDARD, Printausgabe 4.9.2002)

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