Das "amerikanische Imperium" (III)

2. September 2002, 19:27
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Hans Rauscher über imperiale Überdehnung, schwächliche Europäer und gefährliche Selbstüberschätzung

Präsident Bush hat noch niemals klar und umfassend dargelegt, warum der Krieg gegen Saddam sein muss und was die Risiken, Ziele und Folgen wären.

Stattdessen hält der Vizepräsident Reden, in denen der Krieg als unvermeidlich angekündigt wird. Herrscht am Hofe von George jun. eine Art Regentschaft von mächtigen Höflingen wie Cheney und Rumsfeld? Und was wurde aus der US-Verfassung? Das ist der am lautesten angekündigte, aber am schlechtesten begründete Krieg. Er wäre überdies der erste Präventivschlag in der Geschichte der USA.

Das alles sind schlechte Vorzeichen. Ein Fiasko bei einem Angriff auf den Irak - und dazu würden schon hohe Verluste unter den US-Soldaten genügen - würde mit einem Schlag die Führungsposition der USA in der Welt erschüttern. Das Stichwort von der "imperialen Überdehnung" steht im Raum.

Gleichzeitig wird eine der stärksten Säulen der USA, der Rechtsstaat und die offene Gesellschaft, im Namen des Kampfes gegen den Terror untergraben: Wie mit den Gefangenen aus Afghanistan, aber auch mit Verdächtigen aus den USA umgegangen wird, der Schleier von Geheimnistuerei, der über alledem hängt, erzeugt tiefes Unbehagen.

Die Rechtfertigung für die dominierende Stellung der USA kann nur darin bestehen, dass sie ihre Macht verantwortungsvoll und unter stetiger demokratischer Kontrolle ausüben. Für den US-Historiker Andrew J. Bacevich ("American Empire", Harvard University Press) heißt "das wahre Ziel des amerikanischen Imperiums: Freiheit". Das mag in etlichen wichtigen Nuancen eine Freiheit sein, die etwa die Europäer nicht so schätzen, wie die ungezähmte Freiheit des Marktes. Aber im Kern ging es immer um die Freiheit von Unterdrückung und Verbrechen. Sonst hätten die USA im letzten Jahrhundert Europa nicht in zwei Weltkriegen gerettet und gegen den expansiven Sowjetkommunismus geschützt sowie in Bosnien und im Kosovo den Völkermord beendet. Schließlich war auch der erste Irak-Krieg zur Befreiung Kuwaits voll gerechtfertigt. Das hindert verblendete Europäer heute nicht, etwa die Versorgung Berlins aus der Luft während der Blockade Stalins 1948 unter "Militäraktionen der USA" einzuordnen. Solche bösartigen Verrücktheiten sind heute schon fast akzeptierter Bestandteil des öffentlichen Disputes in Europa. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ein Großteil der islamischen Eliten teils glaubt, den 11. September hätten die Amerikaner und die Israelis inszeniert, teils klammheimliche Freude empfindet.

Die Reaktion der Bush-Leute darauf ist es, die Europäer als Wimps (Waschlappen) zu verachten und an eine apokalyptische Bedrohung durch einen weltweiten islamischen Fundamentalismus zu glauben. Das ist trotz allem eine unglückliche Weltsicht. Die Europäer sind zwar schwächlich (siehe Bosnien), aber ihre Überzeugung, dass militärische Machtausübung auch durch "soft power" (die Kraft des demokratischen, marktwirtschaftlichen Modells) begleitet werden muss, ist richtig. Was die Fundamentalisten betrifft: Der große Aufstand in den Straßen der islamischen Welt gegen die USA ist nach dem 11. September ausgeblieben.

Die hardliner in der Bush-Regierung glauben offenbar, mit einem einzigen Gewaltstreich im und gegen den Irak die ganze Region sicher für die Interessen der USA machen zu können. Das ist eine gefährliche Selbstüberschätzung. Denn das "amerikanische Imperium" kann letztlich nicht wirklich imperial herrschen. Aus dieser Einsicht heraus sind auch die Gegenkräfte in der US-Gesellschaft selbst bereits im Entstehen. hans.rauscher@derstandard.at (DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2002)

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