Ein Mann nabelt sich ab

3. September 2002, 18:44
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3. 9. 2002 - Jetzt ist er aber wirklich am Ende. Als Gastkolumnisten ...

... auf Seite 9 glaubte der Chefredakteur der "Presse" seinen Lesern Jörg Haider gerade noch zumuten zu können. Umso ausführlicher klärte er sie Samstag auf Seite 2 darüber auf, warum dieser Mann und alle, die sich nicht komplett von ihm abnabeln, selbst am Ende sind. Das wollen wir der "Presse" nicht wünschen, auch wenn Andreas Unterbergers nunmehrige Einschätzung der Persönlichkeit des wieder einmal Zurückgetretenen so spät kommt, dass schon endzeitliches Flair mitschwingt. Heute aber ist Haider für die FPÖ wie für Österreich eine Last. Erst heute? Na gut, für die FPÖ erst seit den Wahlen in Wien, aber dass er für Österreich eine Last ist, haben viele seit seinem ersten Rücktritt in Kärnten empfunden.

Haider ist aber auch durch seine Instabilität zur unerträglichen Last für das Land geworden - völlig aus dem Häuschen gerät Unterberger ob Haiders Instabilität genau dann, wenn Haider als Einziger stabil auf Programmtreue besteht - eine Erregung, für die es in früheren Zeiten bessere Anlässe gegeben hätte. Aber dass jemand zur unerträglichen Last für das Land geworden sei, nur weil er auf der Einhaltung eines Regierungsversprechens besteht - so als ob die Forderung nach einer Steuerreform ähnlich verwerflich wäre wie die nach einer Wiedergutmachung für SS-Angehörige - das nachzuvollziehen erforderte schon, sich in die Gedankenwelt eines "Presse"-Chefredakteurs hineinzuversetzen.

Was nicht ganz leicht ist, denn darin befinden sich noch Splitter wie der: Auch braucht das Land keine FPÖ, die wie in den letzten Wochen statt zu gestalten nur noch von den eigenen Intrigen gelähmt herumtorkelt. Anders gesagt: Eine FPÖ, die sich nicht komplett von Jörg Haider abnabelt, ist selbst am Ende. Es sei hier nicht einmal der großen Gestalter blauer Politik wie Sickl, Forstinger oder des Justizreformers Böhmdorfer gedacht, um Erinnerung an die große Zeit der FPÖ vor den letzten Wochen zu evozieren. Sogar in den letzten Tagen regte sich noch bemerkenswerte Gestaltungskraft, denkt man etwa an die Moderation der Hendl-Weitflugmeisterschaften, mit der Infrastrukturminister Reichhold der österreichischen Forschung sicherlich neue Impulse verliehen hat.

Überhaupt ist schade, dass dem "Presse"-Chefredakteur erst jetzt ein die Persönlichkeit Jörg Haiders erhellendes Licht aufgeht, wo die Bevölkerung durch eine Steuerreform in ohnehin nur unbedeutendem Ausmaß für die vorangegangenen Belastungen entschädigt werden sollte. Spätestens seit seinen letzten Fernsehauftritten seien sehr viele Österreicher überzeugt, daß Haider ein Fall für den Therapeuten ist. Diese Überzeugung wird am Wahltag alle bestrafen, die nicht mit Haider gebrochen haben.

Vermutlich wollte Herr Unterberger uns mit dieser Drohung vermitteln, dass nicht nur die FPÖ als Ganzes, sondern jeder einzelne Wähler, der sich nicht komplett von Jörg Haider abnabelt, am Wahltag von der Überzeugung vieler Österreicher, daß Haider ein Fall für den Therapeuten ist, ganz fürchterlich gestraft werden wird. In welcher Form dieser grauenhafte Fluch Realität werden könnte, lässt Unterberger noch offen. Offen bleibt freilich auch, wer da einen Therapeuten braucht. Dass ein solcher Haider nicht schaden könnte, haben andere nicht erst seit seinen letzten Fernsehauftritten erkannt, sondern schon bei jenen, in denen er gemeinsam mit der Schildlaus auf dem Schirm erschien.

Der Verdacht ist freilich nicht von der Hand zu weisen, dass er vielen Landsleuten gerade wegen seines offenkundigen Therapiebedarfs als neu, attraktiv, zielstrebig, ideenreich und daher wählbar erschien. Weshalb auch Unterbergers Sehnen nach einer Haider-losen, aber doch wertkonservativ-wirtschaftsliberalen Alternativ-FPÖ nur wenig Chancen auf Erfüllung hat.

Was der Sehnsucht keine Grenzen der Vernunft setzt. Denn eine FPÖ ohne Haider, also eine runderneuerte, hätte vielleicht sogar bessere Chancen als die Volkspartei, die durch die tonangebenden Lobbies der drei Bs bei allen Erneuerungsansätzen immer wieder gebremst wird: Bundesländer, Bauern, Beamte. Auf all diese Gruppen müßte die Haider-lose FPÖ nicht Rücksicht nehmen. Es fragt sich nur, wer die Haider-lose FPÖ dann wählen sollte.

Und auch, wie dann Unterbergers Wunsch nach einer wertkonservativ-wirtschaftsliberalen Regierung in Erfüllung gehen soll. War doch nicht einmal Österreichs klügster Politiker, nämlich Wolfgang Schüssel, klug genug, Unterbergers späte Erkenntnis vorwegzunehmen. Statt sich komplett von Jörg Haider abzunabeln, hat er mit ihm ein Übereinkommen geschlossen - und ausgerechnet auf dessen Einhaltung besteht Jörg Haider nun dummerweise. Österreichs klügster Politiker neigt ja nicht so sehr zur Instabilität, also zur Einhaltung von Versprechen. Nun hofft er, Riess-Passer könne halten, was er versprochen hat: die Zähmung Haiders, ohne dass er sich von ihm abnabeln muss. Wer weiß, wann man die unerträgliche Last wieder braucht.
(DER STANDARD/Printausgabe, 3.9.2002)

Von Günter Traxler
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