An sich selbst gescheitert

2. September 2002, 19:39
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Nach Haiders "Rückzug": Wie ein politisches Talent seinen schlimmsten Feinden unterlag - Selbstüberschätzung, Hochmut und Realitätsverlust - ein Kommentar der Anderen von Peter A. Ulram

Was immer auch die Entwicklungen in der FPÖ in den nächsten Tagen/Wochen/Monaten - und die Nachrichtenlage wird sich noch öfters ändern und mit ihr die Kommentare - bringen wird, sie werden vor allem eines dokumentieren: das politische Scheitern eines Talents, von dem das Land auch hätte profitieren können.

Bei aller Aversion: Es wurden schon Generäle zu Staatsmännern (De Gaulle), Kommunisten zu Verteidigern der Demokratie (Jelzin) und Autoritäre zu Demokraten (Raab). Sie sind an den Herausforderungen gewachsen, und andere, die sich den Herausforderungen nicht gewachsen fühlten, haben von sich aus die Konsequenzen gezogen und den Weg freigegeben: von Papst Coelestin im Mittelalter bis zu Fred Sinowatz in den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts.

Weit zahlreicher und prominenter ist freilich die Liste der Gescheiterten. Nun gibt es viele Gründe, in der Politik zu scheitern: widrige Umstände, übermächtige Gegner, Fehler etc. Im konkreten Fall interessiert das Scheitern an sich selbst, genauer: an der Hybris, der Selbstüberschätzung, gepaart mit Hochmut und Realitätsverlust.

Den Begriff der Hybris verdanken wir nicht von ungefähr den antiken Griechen, ebenso wie die Beschreibung der Rahmenbedingungen, unter denen sich die Hybris so richtig entfalten kann: die schwafelnden Interpreten des vermeintlichen göttlichen wie des Volkes Willen (einst die Priester, heute speziell die Journalisten), die lange Zeit all zu schwachen Gegner, die so leicht zu überwinden waren, bis man sich selbst für unüberwindlich hielt, die Claqueure, die jeglichen Widerspruch und alle Warnungen lautstark übertönten, das Fußvolk und die Handlanger, die sich zunächst willig verführen ließen und dann jede Schuld von sich wiesen. Womit nicht unterstellt werden soll, dass Scheitern aus Hybris unbedingt als Tragödie ablaufen muss, viel häufiger ist viel mehr das Ende als Farce - notabene wenn das Schauspiel in einem mitteleuropäischen Kleinstaat gegeben wird, dessen reale Bedeutung im umgekehrten Verhältnis zu dem steht, was der Gescheiterte selbst und was seine Verehrer wie Feinde glauben.

Aufstieg ...

Nur zur Erinnerung: Da haben wir einen smarten Jungpolitiker, der den deutschen Charakter Österreichs beschwört und zugleich die liberalen Kreise seiner Partei frequentiert - durchaus wohlwollend betrachtet vom damaligen "Sonnenkanzler" Kreisky, wofür sich Ersterer einige Jahrzehnte später zum wahren Erbe des Letzteren erklärt. Mit Intelligenz, Charisma und Brutalität klettert er die innerparteiliche Karriereleiter hinauf. Zur rechten Zeit ein kleiner Putsch mal hier (Kärnten), mal dort (Innsbrucker Parteitag), jede Menge ideologischer Flexibilität (mal liberal, mal autoritär; mal deutschnational, mal österreichisch-chauvinistisch; mal für die EU, mal dagegen), Geschick im Umgang mit den Medien und im Erkennen politischer Marktlücken, die Hilflosigkeit der politischen Gegner. Nicht zu vergessen die Unterstützung durch einen alternden Medienzaren, die wöchentliche Vernewsung und die moralische Empörungsgesten der alten Linken, jungen Liberalen und medienbeflissenen Kulturschaffenden, die sich umso heldenhafter fühlen, je mehr sie ihn zum Wiedergänger des Bösen hochstilisieren.

Fortune kommt hinzu, und als Führer der knapp zweitstärksten Partei wird ER dann noch durch die internationalen Medien zum politischen Gottseibeiuns aufgeblasen und damit zum weltweiten Polit-Popstar. Angeblich fürchtet sich die ganze Welt vor ihm; womit wir wieder wer sind und - je nach Wunsch - es dem Rest der Welt so richtig zeigen oder uns zu wackeren Widerstandskämpfern ernennen können.

Und dann kehrt die böse Realität zurück. Die Populisten sind in der Regierung und müssen zeigen, was sie können. Der große Zampano steht vor der Entscheidung: zwischen der Transformation der Protestpartei zur seriösen politischen Kraft (mühevoll und mit Stimmenverlusten) und der permanenten Bewegung mit der Hoffnung auf die andauernde Wirkung des mobilisierten Ressentiments und die Vergesslichkeit der Wähler. Zwischen der Rolle eines österreichischen Franz Josef Strauß und der eines ewigen Verneiners.

... und Fall

Kurzfristig hat ER gezögert, aber dann hat die Hybris gesiegt: Hat ER nicht alles geschaffen, und verdanken IHM die anderen nicht alles? Ist ER nicht der große Stratege, und sind die anderen nicht nur seine Geschöpfe? Ist ER nicht der Vote-Getter, und sind die anderen nicht nur politische Versager? Gewiss, alles ist schwieriger geworden, und er älter; der inzwischen vergreiste Medienzar liebt ihn nicht mehr und lässt seine Zeitung lieber selber politische Partei spielen, die Journalisten liebäugeln mit neuen Stars und Bösewichten, die einstigen Paladine folgen auch nicht mehr auf Zuruf. Und der Kanzler straft ihn mit Schweigen und ignoriert ihn - i g n o r i e r t IHN!

Also muss die Dosis gesteigert werden: eine Stippvisite zu Saddam Hussein hier, ein paar umbenannte Straßenschilder dort, noch einige Volksbegehren und jede Menge Drohungen. Und reicht das nicht, dann muss der Aufruf zum Endkampf her, mit IHM als Wunderwaffe. Dann ist ER wieder das Maß aller Dinge, der Inhalt aller Kommentare, und niemand kann IHN mehr ignorieren. Und sollte es schief gehen, dann ist Ragnarök immer noch besser als die nicht enden wollenden Volksfeste in Kärnten oder das Exil im Europäischen Parlament.

Nur - woher kommt auf einmal das Gähnen des p.t. Publikums? Warum floppt die Show? Weil sich die Zeiten tatsächlich geändert haben. Die Hybris der Alten haben deren Götter mit dem Sturz ins Verderben gestraft. Die Hybris der Neuen bestrafen deren Götter mit der Verbannung auf die Seite fünf und der Degradierung zum Newswert des Bussi-Bussi von Fußi und Sonja Klima; mit dem Sturz ins Nichts. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2002)

Peter A. Ulram ist Dozent für Politologie an der Uni Wien und Leiter der Sozialforschung bei Fessel + Gfk
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