Narrativer Interruptus

3. September 2002, 09:00
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Gunkl sinniert über Gott und die Welt

Wien - Er hat durchaus etwas vom jungen Woody Allen. Das Haar ist rot, die Brille unmodern. Und er gestikuliert mitunter wild, wenn er allein, umhüllt vom schwarzen Nichts, auf der Bühne der Kulisse steht, weil er sich wieder um Kopf und Kragen redet.

Über Sex, wie Allen, redet Günther Paal in seinem sechsten Programm, Glück - eine Vermutung, aber nicht. Das Höchste der Gefühle sind "Neurotransmitterüberproduktion", Liebesrausch genannt, und "narrativer Interruptus", die TV-Unterbrecherwerbung: Gunkl, Intellektueller unter den Kabarettisten, verwendet zuhauf Fremd- wörter (wie "idiosynkratisch"), bastelt komplexe Satz-und noch kompliziertere Erzählstrukturen. Das hat was.

Zudem verwendet Paal Beobachtungen nur als Ausgangspunkt für trivialphilosophische Betrachtungen über Bipolarität, Dichotomie und das Versagen der Sprache, einen Zustand (wie "unschuldig") zu definieren - außer über die Negation des Gegenteils. Überhaupt nutzt Paal die Sprache gern als Beweismittel: Der Fasching sei furchtbar, daher gibt es das Wort nicht in der Mehrzahl. Und gegen das Klonen eines Individuums, von etwas an sich "Unteilbarem", verwehre sich das Mehrzahlwort "Eltern".

Ausführungen wie diese haben wohltuend zur Folge, dass keine Einzelperson mit Spott bedacht wird: Paal bleibt theoretisch, selbst wenn es um Politik geht. Im Redefluss wirken diese Metaebenen, die er mit viel Geschick einzieht, logisch, schlüssig. Man hat auch gar keine Wahl: Wer auch nur einen Moment abschweift, verliert den Faden, den Gunkl durch seine Gedankengebäude gelegt hat, um erst nach geraumer Zeit wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren.

So sind Paal, der zwischendurch wunderbare Aphorismen einstreut, viele Lacher beschieden. Einer kritischen Analyse halten seine philosophischen Gedankenflüge aber selten stand. Vor allem, wenn er von der Religion, dem zentralen Thema, spricht.

Eine Gruppe würde, behauptet er, durch ein gemeinsames "höchstes Gut" zusammengehalten, und dieses sei in der Regel Gott (den Kommunismus spart Paal aus). Wenn Gott aber das "Absolute" sei, wieso brauche dieser dann den Teufel? Aber wenn das eine nicht ohne das andere sein kann, dann gebe es ein Prinzip, das über Gott stehe. Was enttäuschend sei. Das Problem dieser Argumentationskette liegt schon allein darin, dass es Religionen gibt, die keinen Teufel kennen. Egal. Es unterhält. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2002)

Von Thomas Trenkler
  • Günther Paal (Gunkl) räsonieren in "Glück - eine Vermutung" über die Bipolarität der Welt.
    foto: kulisse/lukas beck

    Günther Paal (Gunkl) räsonieren in "Glück - eine Vermutung" über die Bipolarität der Welt.

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