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2. September 2002, 21:46
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Saisonauftakt mit "Don Carlos": Der 1. September 2002 in der Wiener Staatsoper

Wien - Im Anfang war das Wort. Noch bevor der gekonnt hässliche, das Theatralisch-Kosmische thematisierende Eiserne Vorhang Giulio Paolinis zum ersten Mal gelüftet wurde, hatte der Oberopernfreund den Chef des Hauses zur mittäglichen Plauderstunde geladen.

Zu silberzarten Rosenkavalier-Klängen platzierten sich Peter Dusek und Ioan Holender auf güldenen Stühlchen, um über vergangene (10 Saisonen Holender) und zukünftige (nochmal fünf) Zeiten zu parlieren. Mit einer Mischung aus zartbitterem Ennui, spätsommerlicher Melancholie und einer ins Grandseigneurale lappenden Lässigkeit sprach der Sonnenkönig vom Opernring über Besetzungs-und Entdeckungsgeschick, Absagevorausahnungen, die Vorzüge des Repertoirebetriebs und die eines stimmigen Ensembles, und über Tennis. Dusek kanalisierte den müdesanften Gedankenfluss des Langzeitregenten freundlich-sonnig, in der Proszeniumsloge saß Bundestheaterchef Springer über den Dingen, das recht seltsame Häuflein der Opernfreunde im Speziellen sowie den Gang der Dinge im Allgemeinen still-skeptisch betrachtend.

Im Ende war die Musik. In der klaren, historisierenden, mit unifarbenen Kostümen punktenden Don Carlo-Inszenierung Pier Luigi Pizzis gab Marina Mescheriakova die Elisabeth: Mutter Beimer. Die Eboli der Waltraud Meier: als Verzweifelte und Furie formidabel, als Verführerin ein Flop. Der Mezzo oben schon sehr spröde. Ehrlich: Sie sollte die Eboli langsam lassen.

Dimitri Hvorostovskys Marquis von Posa: darstellerisch zu statuesk, im Lyrischen wunderschön, weich und rund, mit Endlosatem. Kränklich, leicht irr und k.o. der Don Carlo von Fabio Armiliato. Wenn er in die Vollen geht, findet sein Tenor wundersamerweise zu Glanz und Stärke, unterhalb der Fortemarke klingt er so saftig wie ein Knäckebrot. Kurt Rydl (Großinquisitor): mit Vehemenz und Schnitzelvibrato. James Morris' Philipp II. hatte alles, also Noblesse, Schärfe, Mächtigkeit und Souveränität: der stimmigste Part des Abends.

Die szenische Statik konterkarierte Marcello Viotti mit einem drängendem, impulsiven und emotional präzisen Dirigat; das Staatsopernorchester spielte sauber, kompakt, wuchtig sowie sensibel. Ein überzeugender Saisonbeginn. (Stefan Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2002)

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