Schwache Börsen schlimmer als Sachschäden

2. September 2002, 19:17
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Anschläge haben die Geschäftspolitik von Banken und Versicherern dauerhaft verändert, der Prozess ist aber noch nicht abgeschlossen

Frankfurt - Den unmittelbaren Schaden in Höhe von geschätzten 30 Milliarden Euro haben die großen Allfinanzkonzerne und auch Rückversicherer nach Ansicht von Experten zwar verkraftet. Auch die Infrastruktur für die internationalen Handels- und Zah- lungssysteme erwies sich als robust. "Der wirklich entscheidende Punkt für Versicherer und Banken ist aber die nachhaltige Kapitalmarktschwäche seit dem 11. September", sagt Versicherungsanalyst Marc Thiele von Commerzbank Securities in London.

Hohe Verluste

Die sinkenden Aktienkurse haben den Wert der Beteiligungsportfolios dramatisch vermindert, was sich in Bilanzen und Gewinnbeteiligungen bei Lebensversicherungen und Fonds schmerzlich bemerkbar macht. Terrorschutz war bis dato in den Gebäudeversicherungen fast ohne Aufpreis enthalten. "Heute stellt sich die Frage, ob sich für das absichtliche Herbeiführen von Katastrophen überhaupt Prämien festlegen lassen", sagt Herbert Sedlmair, der die Abteilung Katastrophenmanagement bei der Allianz Rückversicherung leitet.

Die Industrieversicherer konnten höhere Prämien durchsetzen, nachdem die Preise 1995 bis 2000 stetig gesunken waren. Zugleich einigten sich die Versicherer mit der Bundesregierung auf eine Beteiligung des Staates als "Versicherer der letzten Instanz" bei Terrorereignissen. Der neue Terror-Versicherer Extremus soll in diesen Tagen gegründet werden. Damit wären in Deutschland wieder Terrorrisiken oberhalb einer Deckungssumme von 25 Millionen Euro versicherbar. Der Staat haftet dabei maximal mit zehn Milliarden Euro im Jahr, die Versicherer kommen für Schäden von bis zu drei Milliarden Euro auf.

"Bewertungsreserven schmelzen ab"

Für die Analysten stehen aber die Langzeitfolgen für die Finanzbranche im Mittelpunkt. "Die Bewertungsreserven der Versicherer schmelzen ab. Und vor weiterem Abschreibungsbedarf ist keiner gefeit", sagt Thiele. Versicherer müssten sich jetzt darauf konzentrieren, im operativen Geschäft ertragreich zu werden, und die Schaden-Kosten-Quote weiter senken.

Die gesamte Branche - allen voran Allianz und Münchener Rückversicherung, kalkuliert jetzt weitaus kurzfristiger. "Die Märkte sind so volatil geworden, dass heutzutage fast keine Ergebnisprognose mehr möglich ist", fasst ein Analyst das Dilemma zusammen. "Nicht der versicherungstechnische Schaden von rund 30 Milliarden Euro, sondern der Kapitalmarktschaden in etwa gleicher Höhe macht den Unternehmen zu schaffen", sagt Wolfgang Rief, Direktor bei Standard & Poor's in Frankfurt.

Vertrauensverlust

Die schwache Marktlage könne aber nicht nur mit den tragischen Ereignissen am 11. September 2001 in Verbindung gebracht werden. "Bis zum März hatten die Finanzwerte ihre Verluste schon wieder aufgeholt, ehe die Leitbörsen wegen des allgemeinen Vertrauensverlusts in die Finanzwerte infolge etwa der US-Bilanzskandale wieder nachgaben." Allerdings warnt Rief davor, die Lage zu pessimistisch einzuschätzen. "Die Kombination aus Schadensbelastung und schwachem Kapitalmarkt wird in Einzelfällen nicht generell zu niedrigeren Ratings führen", sagt er. Schon vor dem 11. September hatte S & P den Rückversicherungssektor auf die Liste für eine Herabstufung gesetzt. (Reuters, DER STANDARD, Printausgabe 3.9.2002)

  • Ground Zero in New York, Ende September 2001.
    foto: alban

    Ground Zero in New York, Ende September 2001.

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