Bagdads Regime auf Zickzackkurs

2. September 2002, 19:29
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Vizepremier Tarek Aziz stellt die Absage an UNO-Waffeninspektoren infrage

Washington/Bagdad/Johannesburg - Am nächsten Tag war wieder alles anders: Hatte Iraks Vizepremier Tarik Aziz in einem BBC-Interview am Sonntag in Johannesburg gesagt, dass eine Rückkehr von UNO-Inspektoren in den Irak nicht infrage käme, so antwortete er auf eine entsprechende Frage von Reuters am Montag, dass die Rückkehr von Inspektoren in Bagdad noch zur Diskussion stehe.

Vielleicht hatte er ja einen entsprechenden Anruf von Naji Sabri aus Moskau erhalten, wo man anlässlich des Besuchs des irakischen Außenministers betonte, dass die Rückkehr der Waffeninspektoren auch ein russischer Wunsch sei: "Wir begrüßen die Fortsetzung des Dialogs zwischen dem Irak und dem UNO-Generalsekretär", sagte der russische Außenminister Igor Iwanow. Zuvor hatte Aziz ein Treffen mit Kofi Annan am Rande des UNO-Gipfels in Johannesburg eher ausgeschlossen, am Montag sagte er dann, dass er ja vielleicht "Hi zu einem alten Freund" - dem UNO-Generalsekretär - sagen könnte.

Kontraproduktives Lob

Ganz offensichtlich verstärkt der Irak seine diplomatischen Bemühungen, international gegen einen US-Krieg zu mobilisieren. Sabri war zuvor in Peking gewesen, während Vizepräsident Taha Yassin Ramadan in der arabischen Welt eingesetzt wird. Ramadan hatte am Wochenende die Europäer, namentlich Deutschland, dafür gelobt, dass sie sich "zunehmend der Gefahren der amerikanischen Hegemonialpolitik bewusst werden". Dass so ein Lob beim Versuch, Europa und die USA auseinander zu dividieren, höchstens kontraproduktiv sein kann, kommt im irakischen Regime niemandem in den Sinn. Offensichtlich hat man in Bagdad aber eingesehen, dass man nicht die europäische Position loben, gleichzeitig aber die europäische Forderung nach einer Rückkehr der Waffeninspektoren völlig ignorieren kann.

Die Rückkehr der UNO-Abrüster hat sich auch US-Außenminister Colin Powell zum Anliegen gemacht - in offenem Widerspruch zu Vizepräsident Dick Cheney, der sie erst vor wenigen Tagen als "sinnlos" bezeichnet hatte. Die zutage getretenen Diskrepanzen waren dem Weißen Haus eine Stellungnahme wert, in der wider die Evidenz herausgestrichen wurde, dass sich die US-Regierung bezüglich der Irak-Politik völlig einig sei. Powell und Cheney stimmten darin überein, dass ein Regimewechsel im Irak nötig sei, zitierte CNN einen Sprecher.

Auch Iran stimmt in den Chor derer ein, die Bagdad auffordern, die UNO-Inspektoren wieder ins Land zu lassen. "Unglücklicherweise haben irakische Regierungsvertreter jedoch bewiesen, dass sie die schlimmsten Fehler immer an sehr heiklen Wegscheiden begehen", ließ das Außenministerium in Teheran einen Sprecher sagen. Die iranisch-irakischen Beziehungen haben sich kontinuierlich verbessert, zuletzt wurde sogar von einem Besuch von Saddam Husseins Sohn Qusay in Iran gemunkelt. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 3.9.2002)

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