ÖVP: Schwache Dachmarke, starke Landesmarken

3. September 2002, 13:46
8 Postings

Der Kanzlerpartei fehlt noch das Wir-Gefühl

Auf der Homepage der "ÖVP Wien" muss man schon ganz nach unten scrollen, um einen Link zur Bundespartei zu finden, auf jener der "Vorarlberg ÖVP" gibt es gleich gar keinen, ebenso wenig bei der "ÖVP Burgenland", der "Tiroler Volkspartei", der "Salzburger Volkspartei" oder auf der Homepage "Steirische Volkspartei". Die Linkhinweise der "Volkspartei Niederösterreich" führen über ein langes Drop-down-Menü zu "Politik", wo sich dann eine weitere Seite öffnet, auf der die "Österreichische Volkspartei" angeklickt werden kann.

Umgekehrt sind natürlich alle Landesparteien nur einen Mausklick von der Homepage der Kanzlerpartei entfernt, wo die Länderlinks gleich im Header neben dem Bild des Bundeskanzlers stehen.

Das Bild stimmt schon: Der Bundeskanzler und Parteichef Wolfgang Schüssel braucht die Länder. Sie ihn nicht.

Während die ÖVP jahrzehntelang - nämlich nach dem Verlust der Regierungsverantwortung 1970 - die "Kraft der Länder" beschworen hat, haben sich die Kräfte in den Ländern selbstständig gemacht. War es zunächst nur ein Tauziehen um politische Inhalte, so ist zunehmend eine Abkoppelung der politischen Identität erfolgt.

Begonnen haben schon in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre die Steirer und die Wiener - unter dem damaligen Landesparteichef Erhard Busek firmierte die Wiener ÖVP nach außen oft nur unter "pro Wien". Und die Atomisierung der Partei setzte sich nach unten fort: Auch die "Volkspartei Gerasdorf" hat natürlich ihre eigene Identität - zumindest auf der Homepage ohne jeden Bezug auf Landes- und Bundespartei.

Dabei tritt die ÖVP in Gerasdorf immerhin noch als Volkspartei an - und nicht als eine Namensliste. Diese Namenslisten haben sich vor allem in den Achtzigerjahren verbreitet; im Ort weiß ja ohnehin jeder, dass die Spitzenkandidaten bei der ÖVP sind. Nur funktioniert es eben nicht umgekehrt: Die Vertreter von Bürgerlisten, lokalen oder regionalen Volksparteien fühlen sich eben nur bedingt für die Bundespartei und ihre Wahlergebnisse verantwortlich. Sie pflegen ihre mehr oder weniger starken Marken, während die Dachmarke ÖVP verblasst. (Conrad Seidl/DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2002)

Share if you care.