"Nacht- und Nebelputsch"

2. September 2002, 18:15
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Zürichs Theaterchef will "Rauswurf" nicht hinnehmen

Zürich - Zürichs gekündigter Theaterchef Christoph Marthaler will seinen "Rauswurf" nicht hinnehmen. Der "Tages-Anzeiger" berichtet, dass der 51-jährige Theatermann von der am Samstag vom Verwaltungsrat beschlossenen Auflösung seines Vertrags völlig überrascht wurde. "Sie müssen mich rauswerfen, freiwillig gehe ich nicht", zitiert die in Zürich erscheinende Zeitung den Intendanten. Gegenüber dem Radio DRS sprach Marthaler von einem "Nacht- und Nebelputsch".

Marthaler fühlt sich hintergangen

Gegenüber dem Schweizer Radio DRS vermutete Marthaler nicht nur finanzielle, sondern auch künstlerische Gründe hinter seiner vorzeitigen Abberufung. Er habe schon immer vermutet, dass sich der Verwaltungsrat nicht nur am Finanzproblem stoße, sagte Marthaler. Er und sein Team seien angesichts der prekären Finanzlage zu "Einschränkungen bis zum Anschlag" bereit gewesen. "Ich habe den Eindruck, dass wir stören und dass man uns nicht will", sagte der Intendant. Er fühle sich vom Verwaltungsrat hintergangen.

Am Schauspielhaus in Zürich herrschte am Montag (2.9.)Bestürzung über den Beschluss des Verwaltungsrates, den Marthaler und seine Chefdramaturgin Stefanie Carp erst am Montag in der Post vorfanden. Das Ensemble wollte sich zum ersten Mal nach der Sommerpause mit seinem Chef treffen. "Was mich am meisten konsterniert und beleidigt, ist die Hinterhältigkeit des Vorgehens", zitiert der "Tages-Anzeiger" Marthaler weiter. Der Verwaltungsrat habe gewusst, dass er am Wochenende fort sei, und man habe für diesen Montag ein Treffen vereinbart.

Vorzeitiges Aussteigen produziert auch Kosten für die Stadt

Der Verwaltungsrat hatte am Samstag den "Rauswurf" mit den stetig sinkenden Zuschauerzahlen begründet und erklärt, dadurch sei klar geworden, dass Marthalers künstlerisches Konzept mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht weitergeführt werden könne. Der Vertrag des Intendanten läuft über fünf Jahre, er kann aber nach drei Jahren überprüft werden. Die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) sieht hier Kosten auf die Stadt zukommen, denn das "vorzeitige Aussteigen aus dem Fünfjahresvertrag mit dem Intendanten ist nicht gratis". (APA/sda/dpa)

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