Ethikerinnen zeigen alternative Wertmaßstäbe auf

2. September 2002, 15:26
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Für eine "Weltsicht der Bezogenheit": Salzburger Erklärung zur "Bioethik" als Aufforderung zum öffentlichen Nachdenken über gutes Leben

Wien - Alternative Lösungsansätze für aktuelle gesellschaftliche Fragen wurden vergangenes Wochenende am Internationalen Symposium Feministische Ethik in Salzburg diskutiert (30.8.-1.9.). An die 30 Ethik-Expertinnen zeigten dabei die Notwendigkeit eines ethischen Perspektivenwechsels auf und machten deutlich, dass wirksame Ansatzpunkte für Veränderungsschritte den Blick aufs Ganze genauso brauchen, wie die Aufmerksamkeit für Rand- und Zwischenbereiche, so die Ethikerin Ina Praetorius im Einführungsreferat.

Kritik an der ökonomischen Wertausrichtung

Kritisiert wurde in zahlreichen Beiträgen, u.a. von der Sozialethikerin Christa Schnabl (Univ. Wien/A), der Ökonomin Ulrike Knobloch (Universität St. Gallen/CH) und den Schweizer Textilarbeitslehrerinnen Elisabeth Volkert, Denise Wassman und Ursi Senn-Bieri, die Vorrangstellung einer ökonomischen Werteausrichtung, die zentralen und lebensreleveanten Bereichen wie beispielsweise der Fürsorge und Pflege, aber auch hauswirtschaftlichen, handwerklichen und musischen Tätigkeiten eine adäquate Anerkennung verweigert.

Kritische Begleitung von errungenen Rechten

Auch die Auseinandersetzung mit Gewaltverhältnissen bleibt aktuell. Zwar hätte die Frauenbewegung in den letzten Jahrzehnten vor allem im Umgang mit häuslicher Gewalt bahnbrechende Erfolge zu verbuchen, wie Ulrike Wagener, Ethik-Dozentin an einer deutschen Polizei-Fachhochschule am Beispiel des Wegweise-Rechtes deutlich machte. Feministische Ethikerinnen seien jedoch weiterhin gefordert, diese und ähnliche rechtliche Entwicklungen kritisch zu begleiten.

Für eine "Weltsicht der Bezogenheit"

In einer "Salzburger Erkärung zur sogenannten Bioethik" sprechen sich die Unterzeichnerinnen für eine "Weltsicht der Bezogenheit" aus und wenden sich gegen einen ethischen Teildiskurs, dem es nahehzu ausschließlich um die Zulässigkeit neuartiger medizinischer Techniken gehe. Der Verstrickung des ärztlichen Willen zum Heilen "in Mechanismen der Herrschaft, des ökonomischen Profits und des (gewaltsamen) Ausschlusses dissidenter Praxen" müsse stärker Beachtung geschenkt werden. Gemäß den Prinzipien feministischer Ethik dürften Menschen nicht länger als vollständig abgegrenzte Einzelne verstanden, sondern müssten im Hinblick auf ihr aktuelles und historischen Bezugsgewebe wahrgenommen werden. Das immer noch vorherrschende Modell des beziehunglsosen "autonomen Subjekts" sei deshalb genauso abzulehnen wie die Verengung des ethischen Blicks auf eine technikfixierte Medizin in der Leben und Tod von Menschen von einsamen Entscheidungen von Fachleuten des Rechts und der Medizin abhängig werden.

Ökonomische und politische Zusammenhänge, Geschlechterfragen, Medizin, Medien müssten mit weiteren Bereichen des Zusammenlebens zusammengedacht werden, das Prinzip der Zweigeschlechtlichkeit müsse im Prinzip Menschenwürde und der Umsetzung der Tradition der Menschenrechte mitbedacht werden.

Gegen gentechnische Verwendung von Keimzellen

Für aktuelle Fragestellungen gelte es zu bedenken, dass - gemäß einer Weltsicht der Bezogenheit - Würde nicht nur isolierten Individuen sondern ebenso den Bezugesgeweben, auf die diese angewiesen seien, zukomme. Die Freiheit von Frauen, ihre Keimzellen für Zwecke außerhalb ihres Körpers zur Verfügung zu stellen, sei auf diesem Hintergrund ebenso fragwürdig wie die Freiheit der ForscherInnen, diese Zellen als Arbeitsmaterial zu betrachten. Die Unterzeichnerinnen der Erklärung schlagen Frauen deshalb vor, auf die Ausübung dieser Freiheit zu verzichten. (red)

Zum Volltext der Erklärung und weitere Informationen unter Frauenbildung
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