Marthalers Zürcher Abgesang

2. September 2002, 11:33
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Zuschauerzahlen sinken - Kritiker wählten Zürcher Schauspielhaus gerade erst wieder zum "Theater des Jahres"

Zürich - Das Zürcher Schauspielhaus trennt sich nach drei Jahren, mit Ende der Saison 2002/03, von seinem künstlerischen Direktor Christoph Marthaler. Angesichts sinkender Zuschauerzahlen sei klar geworden, dass Marthalers Konzept mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht weitergeführt werden könne, teilte der Verwaltungsrat des Theaters mit. Auch die erhöhten städtischen Subventionen reichten nicht aus, um das Programm, wie die künstlerische Direktion es anstrebe, zu realisieren, heißt es in der Mitteilung. Ein Nachfolger wurde noch nicht benannt.

Marthaler kam mit der Saison 2000/01 als künstlerischer Direktor nach Zürich. Damals wurde laut Stadtpräsident Elmar Ledergerber ein Fünf-Jahres-Vertrag abgeschlossen mit der - beiderseitigen - Option eines vorzeitigen Ausstiegs nach drei Jahren, wenn die Evaluation der Situation dies nahe lege. Für den Abgang Marthalers sei mit diesem bisher eine mündliche Einigung zu Stande gekommen.

Zu brilliant, zu eigenwillig

Der 51-jährige Marthaler gilt als brillant und eigenwillig zugleich. Während allerdings die Kritiker jubelten, nahm das Publikum seine Inszenierungen zwiespältig auf. Erst vor wenigen Tagen wurde das Schauspielhaus Zürich zum zweiten Mal in Folge in einer Kritikerumfrage der Zeitschrift "Theater heute" mit dem Titel "Theater des Jahres" im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet.

Marthaler wurde 1951 in Erlenbach am rechten Zürichseeufer geboren. Er studierte Musik und arbeitete zunächst als Theatermusiker am Zürcher Neumarkttheater. Von 1988 bis 1993 war er am Basler Theater tätig und machte sich mit Musik- und Theaterprojekten einen Namen. Später arbeitet er als Regisseur am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und an der Volksbühne Berlin.

Bald war vom sogenannten "Marthaler-Stil" die Rede: Inszenierungen mit viel Musik und wenig Handlung, die von Langsamkeit und Wiederholungen geprägt sind. Mit seinen Inszenierungen erspielte sich Marthaler in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine große Fan-Gemeinde. 1997 wurde er für seine Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" beim Theatertreffen Berlin als "Regisseur des Jahrzehnts" ausgezeichnet.

Das Zürcher Schauspielhaus hat wegen Kostenüberschreitungen beim Bau einer neuen Halle große finanzielle Probleme. Mehrkosten verursachte auch der Betrieb der beiden zusätzlichen Bühnen (Halle und Box im Schiffbau) neben dem Haupthaus am Pfauen. Außerdem verursachte auch das neue Arbeitsgesetz dem Schauspielhaus zusätzliche (Finanz-)Probleme. Anfang Juni hatten die Zürcher Stimmberechtigten dem Schauspielhaus eine Erhöhung der jährlichen Subventionen von annähernd 3,9 Millionen auf 33,7 Millionen Franken (23,07 Millionen Euro) jährlich gewährt.

Laut Verwaltungsrat wurden vor der Ära Marthaler - also vor der Saison 2000/01 - pro Saison durchschnittlich 170 000 Zuschauerinnen und Zuschauer gezählt, in der Saison 2001/02 nur mehr 120.000. Und dies, obwohl inzwischen nicht nur die Pfauenbühne, sondern auch der Schiffbau bespielt wurde. Eine Findungskommission soll sich nun unverzüglich auf die Suche nach Nachfolge-Kandidaturen machen. Das Programm der kommenden Saison mit 14 Premieren wird laut Verwaltungsrat wie geplant gespielt. (APA/sda/dpa)

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