"Tabak ist der größte Risikofaktor für den Tod in den entwickelten Ländern"

3. September 2002, 16:21
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Fünf Millionen Tabak-Tote pro Jahr - derzeit Kongress in Wien - mit Grafik

Wien - Der Tabakkonsum fordert weltweit jährlich bereits fünf Millionen Tote. - Dabei können gezielte Anti-Zigaretten-Strategien eine erhebliche Wirkung haben. Länder wie Österreich und Deutschland haben hier allerdings einen erheblichen Aufholbedarf. Das erklärte WHO-Experte Dr. Derek Yach am Dienstag bei der 8. zentraleuropäischen Lungenkrebs-Konferenz in Wien.

"Massive Epidemie"

Yach ist Chef der Abteilung für nicht ansteckende Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sein Resümee: Während die Onkologen in den vergangenen Jahren trotz aller Anstrengungen bestenfalls kleine Fortschritte in der Behandlung von Lungenkarzinomen gemacht haben, wird die beste Gegenstrategie oft ignoriert: Programme zur Reduzierung des Tabakkonsums.

Yach: "Wir haben es mit einer massiven Epidemie zu tun. Der Tabak ist der größte Risikofaktor für den Tod in den entwickelten Ländern. Er fordert pro Jahr fast fünf Millionen Todesopfer, die meisten davon entfallen allerdings auf die dadurch bedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen."

Kaum Chancen auf Heilung

Doch der Lungenkrebs ist im Grunde der gefährlichste Killer unter den bösartigen Erkrankungen. Mindestens 90 Prozent aller Lungenkarzinom-Erkrankungen werden durch den Tabakkonsum verursacht. Yach: In den vergangenen 15 Jahren haben wir keinen großen Fortschritt in der Behandlung von Lungenkrebs gesehen. Auch die neuen (molekular-)biologischen Ansätze sind für die Kontrolle von Lungenkrebs irrelevant. Es muss darum gehen, das Rauchen zu verhindern. Das funktioniert auch."

Liegt einmal ein Lungenkarzinom vor, stehen die Chancen des Betroffenen weiterhin schlecht. Vutuc: "Laut den europäischen Zahlen leben nach fünf Jahren nur neun Prozent der männlichen Patienten bzw. zehn Prozent der Frauen mit Lungenkrebs. Das ist einfach eine schlechte Prognose."

Vorbeugung ist Trumpf

Der WHO-Experte: "Wir müssen daher unsere Mittel auf die Vorbeugung konzentrieren. Das funktioniert. Ein Programm in der finnischen Region Nordkarelien mit intensiven Informationskampagnen gegen das Rauchen etc. hat dort die Lungenkrebs-Sterberate binnen 25 Jahren um 71 Prozent reduziert. In ganz Finnland war es eine Verringerung um 60 Prozent. (Zeitraum 1969 bis 1995, Anm.). Es ist die Tabakindustrie, die Tod und Zerstörung anrichtet."

Das Weglegen der Zigaretten zahlt sich aus. Yach: "Das gilt für jedes Lebensalter, sogar noch für den Lungenkrebspatienten. Diese Botschaft müssen wir an die Leute bringen. Wer niemals geraucht hat, hat eine im Vergleich zum Raucher um acht bis zehn Jahre größere Lebenserwartung. Wer mit 35 die Zigarette weglegt, hat fast noch den selben Vorteil. Wer mit 55 zu rauchen aufhört, gewinnt im Durchschnitt noch immer fünf Jahre."

Entwicklungsland

Doch während sich beispielsweise in Staaten wie den USA, Großbritannien und in den skandinavischen Ländern die positiven Auswirkungen von Tabak-Werbeverboten, Preiserhöhungen für Zigarettten etc. bereits längst bemerkbar gemacht haben, hinken andere Staaten weit nach. Yach: "Österreich und Deutschland sind zum Beispiel weit abgeschlagen, was die Entwicklung solcher Strategien anlangt."

Der österreichische "Anti-Rauch-Papst" Univ.-Prof. Dr. Michael Kunze sieht hier Prioritäten bei den stark von Nikotin Abhängigen: "Die primäre Prävention mit dem Focus auf die Jugend reicht nicht aus. Da gibt es keine guten Konzepte und der Erfolg wäre erst in Jahrzehnten messbar. Wir müssen uns auf die hoch Nikotin-Abhängigen konzentrieren und sie behandeln.

Nikotin-Versorgung

Wenn keine Tabakabstinenz möglich ist, müssen wir sie - wenn nötig - auch langfristig mit Nikotin versorgen." In Schweden gibt es da beispielsweise neben allen anderen Nikotinersatzmitteln auch "Snus" - Tabaksäckchen, die nicht gekaut werden, sondern in der Wange die Substanz abgeben. (APA)

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