Schrittmacher vertreibt Herz-Schmerz

2. September 2002, 12:42
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Neurostimulation hilft Patienten mit sonst nicht behandelbarer Angina pectoris

Berlin/Wien - Eine Art Schrittmacher für die elektrische Stimulierung des Rückenmarks "vertreibt" den Herz-Schmerz von Menschen, die an sonst nicht behandelbarer Angina pectoris leiden. Über gute Erfolge mit dieser Art der Neurostimulation berichtete jetzt Dr. Heinz Theres von der Charite in Berlin bei einem Symposium. Die Abteilung für Kardiologie an der Wiener Universitätsklinik hat mit der Methode bei 14 Patienten ebenfalls gute Erfolge erzielt.

"Derzeit leiden weltweit etwa 90.000 Patienten auf Grund einer fortgeschrittenen koronaren Herzerkrankung unter einer therapieresistenten Angina pectoris. Angina pectoris sind Brustschmerzen, die im Zusammenhang mit einer vorübergehenden Ischämie (mangelhaften Durchblutung, Anm.) des Herzens auf Grund einer koronaren Herzkrankheit auftreten", hieß es jetzt in einer Aussendung des Entwicklers der Methode (Medtronic).

Die als "erdrückend", "erstickend" oder gar "vernichtend" beschriebenen Schmerzen treten im Allgemeinen im Brustkorb auf, können aber gelegentlich in die Arme, den Hals oder den Unterkiefer ausstrahlen. Bei Angina pectoris muss natürlich durch die behandelnden Ärzte vor allem die Durchblutung des Herzens verbessert werden, was durch eine Bypass-Operation, eine Angioplastie (Ballonaufdehnung) oder durch Medikamente geschieht. Immer mehr Patienten mit koronarer Herzkrankheit sprechen jedoch im Verlauf ihrer Erkrankung nicht mehr zufrieden stellend auf die Behandlung an.

Theres: "Patienten mit fortgeschrittener koronarer Herzkrankheit und einer schweren Angina pectoris stellen in unserer klinischen Tätigkeit eine zunehmende Herausforderung dar. Trotz moderner Verfahren kommen immer mehr Patienten mit Angina pectoris für eine Revaskularisierung (Bypass, Ballonaufdehnung, Anm.) nicht in Frage. Diese Patienten sind in ihrer Lebensqualität durch wiederholte Krankenhausaufenthalte, Einschränkung der Alltagstätigkeiten und häufig auch durch soziale Isolation erheblich beeinträchtigt.

Doch die Implantierung eines elektrischen Impulsgebers und das Verlegen von Elektroden ins Rückenmark, durch welche Stromstöße abgegeben werden, können die Leistungsfähigkeit sowie die Lebensqualität der Patienten verbessern. Die Neurostimulation, d.h. die Stimulation des Rückenmarks und der peripheren Nerven durch elektrische Signale, wird seit Jahren erfolgreich zur Behandlung von schwer behandelbaren Glieder- und Rumpfschmerzen eingesetzt.

Bei der Neurostimulation fühlen die Patienten anstatt ihrer üblichen Schmerzen nur ein Kribbeln. Das Neurostimulationssystem besteht aus einem implantierbaren Impulsgenerator (IPG) mit speziellen Batterien und einer Elektronik, die elektrische Impulse erzeugt. Der IPG wird unter die Haut im Unterbauch implantiert und an medizinische Kabel, die so genannten Elektroden, angeschlossen, die wiederum in der Nähe des Rückenmarks platziert werden. Patienten können mit Hilfe eines Handprogrammiergerätes die Stärke der Stimulation - in vom Arzt festgelegten Grenzen - einstellen und das System ein- und ausschalten.

Nach Angaben des European Heart Journal erfreuen sich mehr als 80 Prozent der Patienten mit therapieresistenter Angina pectoris, die mit der Rückenmarkstimulation behandelt wurden, langfristig einer gesteigerten körperlichen Leistungsfähigkeit und einer verbesserten Lebensqualität.

An der klinischen Abteilung für Kardiologie an der Universitätsklinik für Innere Medizin II in Wien wurden mit dem System ebenfalls bereits gute Erfahrungen gemacht: 14 Patienten wurden bereits mit dem System versorgt. Auch an der Innsbrucker und an der Grazer Universitätsklinik wird die Therapie angeboten. (APA)

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