Ende einer Intendanten-Schnapsidee

2. September 2002, 12:44
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Christoph Marthaler wird bald als Zürcher Intendant abberufen

Ein Künstler wie der Schweizer Theatertagträumer Christoph Marthaler (51) vermag, wie nur große Zauberer es tun, die Zeit anzuhalten. Er setzt ärmliche Menschenkinder in die holzverkleideten Bühnenschaukästen seiner kongenialen Ausstatterin Anna Viebrock und sieht ihnen wie gebannt beim Dösen, Turnen oder Bierglasbalancieren zu.

Er entlockt den streng nach Geschmack der sozialistischen Freizeitmode gekleideten Figuren immer wieder berückende Gesänge. In dem gelernten Oboisten und Blockflötenspieler Marthaler haben die Wettbewerbsverlierer, die Nichtfitten, Karriereuntauglichen ihren beredtesten, dabei persönlich schweigsamen Anwalt gefunden. Denn eines ist Marthaler, der freisinnig erzogene Sohn eines Studentenwohnheimleiters aus Erlenbach am Zürcher See, nun ganz gewiss nicht: ein echter Theaterleiter und Bühnenautokrat, der Kostenfaktoren abwägt und sich vor Stadtverordneten verkrümmt. Und so endet mit der vorzeitigen Abberufung Marthalers als Intendant des Zürcher Schauspiels ein höchst absehbarer Irrtum. Der städtische Bühnenverwaltungsrat glaubte, einen Kulturexportartikel bequem heimholen und domestizieren zu können. Marthaler glaubte, dass man ihn um seiner Kunst willen 1999 an die Limmat geholt habe.

Nebenbei spielte er die Traditionsbühne "am Pfauen" leer, ließ die Kosten der Schiffbau-Hallen explodieren - und heimste, so wie unlängst, Auszeichungen als "Bühne des Jahres" ein, während er seiner Clique von grandiosen Schauspielern auf den Herdplatten seines Zürcher Direktionsbüro Fundstücke vom Fischmarkt aufkochte und dazu die Bouteille geräuschvoll entkorkte. Marthaler, der in seinen zerknautschten Leinenanzügen einem Tschechow-Arzt ähnelt, ist unstet. Er besuchte Paris, absolvierte die Theaterschule Lecoq und verteilte auf der Straße die Libération. Bei einem Polizeiübergriff brach er sich das Steißbein: eine "interessante Erfahrung".

Marthaler, der in Zürich, vor allem aber dann in Basel, Hamburg und Berlin als Regisseur seinen Personalstil der geduldigen Muße entwickelte, ist sich treu. Er tüftelt an Collagen. Er schreckt Salzburger Festspielbesucher. Er rettet die Aufsässigkeit, verlangsamt sie und lullt damit traum-ähnlich ein. Er summt Ungeheuerlichkeiten: "Wenn das Alpenhirn sich rötet, tötet, freie Schweizer, tötet!" Die Schweizer haben diesem freundlichen, rundlichen Mann als "Nestbeschmutzer" des Öfteren Böses gewollt. Nun ist Marthaler, der einmal verheiratet war und heute mit der Regisseurin Annette Kuss zusammenlebt, nurmehr Intendant auf Abruf. Aber Bouteillen entkorkt man auch anderswo. Marthaler, der geborene Wandervogel, wird sich seiner Freiheit nachhaltig zu erfreuen wissen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2002)

Von Ronald Pohl

Siehe auch

Marthalers Zürcher Abgesang

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