Touristisches Paradoxon

1. September 2002, 19:47
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Ein Kolumne von Barbara Coudenhove-Kalergi

Jeder Auslandsreisende weiß es: Lokale und andere Orte, in denen Tou- risten den Ton angeben, muss man meiden. Folgerichtig schwärmen denn auch diejenigen, die in diesen Tagen vom Urlaub zurückkommen, vom französischen Bistro, vom italienischen Städtchen, von der griechischen Insel, wo es keine oder nur wenige Fremde gab und die Einheimischen den Stil, die Atmosphäre und das Essen bestimmten. Nichts mag der Tourist so wenig leiden wie die anderen Touristen.

Touristenlose Geheimtipps sind freilich selten. Wo es einen Strand gibt, Berge und Sehenswürdigkeiten, dort sind auch die Touristen. Und große und berühmte Städte, in die niemand reist, existieren nicht. Es gibt freilich Unterschiede: Manche Orte werden zwar von Fremden überschwemmt, sie gleichen sich diesen aber nicht an, sondern wahren ihre Eigenart und ihre Würde und werden eben deshalb von den Besuchern geliebt. Und es gibt andere, die ihre Seele total an den Fremdenverkehr verkauft haben und dafür nicht Liebe und Bewunderung ernten, sondern eher Verachtung. Es ist paradox: Wer am Altar des Fremdenverkehrs alles opfert, schadet dem Fremdenverkehr.

Dann schon lieber ehrliche Touristensiedlungen, die nicht so tun, als wären sie in Wirklichkeit Fischerdörfer. Eine gute Hotelanlage, in der alles funktioniert, ist o.k. Ballermann-Treiben hinter Butzenscheiben ist nicht o.k. Besser McDonald's als das "typisch Wiener Café" im Tirolerlook.

Und wie steht es diesbezüglich in Österreich, insbesondere in dessen Hauptstadt? Wien ist zu groß, zu schön und zu vielfältig, um von den vielen Touristen ernstlich gefährdet zu werden. Aber es gibt bedrohliche Anzeichen: Die als Mozart kostümierten, verschwitzten jungen Männer, die auf dem Stephansplatz den Fremden Konzertkarten anzudrehen versuchen, sind peinlich. Die Fiaker mit ihrem falschen Biedermeier-Ambiente gelten als Heiligtum, von mir aus müsste es sie freilich nicht geben. Die Touristenbimmelbahn im Schönbrunner Schlosspark hat der Architektendoyen Roland Rainer zutreffend würdelos genannt, einen Ausdruck der "primitiven Geldgier des Hausmeisters". Die jüngste Schnapsidee harrt noch ihrer Fertigstellung: das so genannte History Land unter dem Heiligenkreuzerhof, einem der schönsten Viertel der Stadt.

Jede Stadt will an Touristen Geld verdienen. Warum auch nicht? Es gibt freilich eine goldene Regel: Alles, was den Einheimischen zu blöd ist und nur für Touristen geschaffen wurde, ist problematisch. Der Spitzengastronom Attila Dogudan, der die berühmte Konditorei Demel kaufte, hat das erfasst. Er will erreichen, dass dieser Traditionsbetrieb, den derzeit nur Touristen besuchen, auch von Einheimischen frequentiert wird. Erst dann werde er, sagt Dogudan, wieder wirklich gut sein.

Diese Erkenntnis würde den Betreibern der Hofreitschule und der Wiener Sängerknaben auch wohl anstehen. Beide Institutionen sind mittlerweile so verkitscht und allein auf Touristen orientiert worden, dass sich kaum ein Einheimischer hinverirrt. Auf die Dauer tut das nicht gut, weder den Mitwirkenden noch dem Image.

Im Ausland ist auch der Einheimische Tourist. Auch als Reisender hat er seine fünf Sinne nicht daheim gelassen. Er merkt es, wenn man ihn für dumm verkauft und ihm Kommerz, Kitsch und Tinnef andient, den kein Ortsansässiger anrühren würde. Wien hat in dieser Hinsicht noch weniger gesündigt als andere Orte, Gott sei Dank. Aber wir sollten aufpassen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2002)

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