"Das Schlimmste liegt vor uns"

1. September 2002, 18:54
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Pannenserien haben das Vertrauen in den US-Staatsapparat erschüttert

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Osama Bin Laden ist's, nebst seinen Getreuen, die durch die Bergwelt Ostafghanistans traben; in wolkenverhang'ner Nacht, versteht sich, weil sie ja den Aufklärungsdrohnen und Satellitenaugen der US-Streitkräfte entgehen wollen.

So wildromantisch hören sich die jüngsten amerikanischen Geheimdienstberichte über den Verbleib jenes Mannes an, welchen die USA mit Präsident George Bush an der Spitze als Drahtzieher der Terroranschläge auf Washington und New York benannt haben.

Hinter solchen Berichten verbergen sich nüchterne Fakten, denn das Bild des flüchtigen Oberterroristen erinnert die USA schmerzhaft daran, wie viel man sich vor einem Jahr vorgenommen hatte und wie wenig man bislang in dem als Jahrhundertkampf apostrophierten Feldzug gegen den Terror erreicht hat. Für eine Gesellschaft wie die amerikanische, die schnelle Lösungen verlangt, ist dies eine neue Erfahrung - auch wenn Bush seine Landsleute anfangs mehrmals zu Geduld ermahnt hatte.

Aber auch auf die bangen Fragen, ob Amerika ein Jahr nach der Tragödie sicherer geworden sei oder ob sich ein solcher Anschlag wiederholen könne, gibt es keine befriedigenden Antworten. Im Gegenteil: Führende Politiker haben in den letzten Monaten mehrmals dramatisch die Gefahr katastrophaler Anschläge an die Wand gemalt. Europäische Geheimdienstler halten die Al-Qai'da für gefährlicher als vor einem Jahr: "Die einzelnen Zellen entwickeln sich horizontal ohne eindeutiges Koordinationszentrum", erklärte ein Experte: "Das Schlimmste liegt vor uns, nicht hinter uns."

Zudem wird erst allmählich publik, wie viele haarsträubende Pannen sich die USA erlaubt haben - vor dem 11. September und danach. Das folgenschwerste Versäumnis war es wahrscheinlich, dass man Bin Laden durch die Lappen gehen ließ, obwohl sich das Netz um ihn eng zusammengezogen hatte.

Es war im vergangenen Dezember bei der Schlacht um Tora Bora im Osten Afghanistans, als die US-Spezialkommandos - wie das Nachrichtenmagazin Newsweek berichtete - tatsächlich das Blut verwundeter Al-Qai'da-und Taliban-Kämpfer riechen konnten, die vor ihnen flüchteten. Aber Amerikas Armee griff nicht zu: Aus Furcht vor eigenen Verlusten zögerte sie zu lange, und die Terrorbande entkam.

Die Liste festgenommener oder getöteter Al-Qai'da-Kader ist denn auch kurz: Bin Ladens Militärkommandant Muhammed Atef fiel in Afghanistan, und lediglich Operationschef Abu Subaida wurde in Pakistan gefasst. Die US-Behörden haben nie mitgeteilt, wo er inhaftiert ist. In letzter Zeit hört man wenig über ihn. Schon zuvor waren Zweifel am Wert seiner Aussagen laut geworden.

"Terror-Dorftrottel"

Wenig eindrucksvoll sind die anderen Hauptverdächtigen, die sich in amerikanischem Gewahrsam befinden. Da ist zum einen der britische Staatsbürger Robert Reid, der von der US-Presse als "Dorftrottel des internationalen Terrorismus" verspottet wurde. Er soll versucht haben, auf einem Transatlantikflug eine in seinen Schuhen versteckte Bombe detonieren zu lassen.

Zacarias Moussaoui wiederum, der in Virginia auf seinen Prozess wartet und als Mitverschwörer des 11. September gilt, wirkt bei Auftritten vor Gericht eher wie ein verwirrter Clown. Er war den Ermittlern aufgefallen, weil er in einer Flugschule nur geradeaus fliegen lernen wollte, nicht aber das Starten und Landen.

Sein Fall lieferte das erste Indiz dafür, welche Schnitzer sich US-Behörden erlaubten, deren Aufgabe es eigentlich ist, Gefahr vom Heimatland abzuwehren. Das Hauptquartier der Bundespolizei FBI in Washington lehnte eine Anfrage des örtlichen Büros in Minneapolis ab, das auf Moussaoui aufmerksam geworden war und ihn unter die Lupe nehmen wollte.

Ein Bericht des US-Kongresses sparte keinen der Sicherheitsdienste von Kritik aus. Selbst die hoch gerühmte National Security Agency (NSA), die weltweit lauscht, musste sich Fehler nachweisen lassen: Ihr lagen zwei Botschaften auf Arabisch vor, die auf einen Anschlag am 11. September hindeuteten. Doch übersetzt wurden sie erst nach der Tragödie.

Nicht einmal das Weiße Haus erwies sich als immun gegen Kritik. Das Team von Altpräsident Bill Clinton behauptete, bei der Amtsübergabe einen Plan zur Zerstörung der Al-Qai'da hinterlassen zu haben, den die Bush-Männer acht Monate lang ignoriert hätten. Bushs Regierung dementierte heftigst.

Drei Wochen vor dem Jahrestag der Tragödie wurde dann nachgewiesen, dass die größten Helden des 11. September aufgrund eklatanter Fehler in den Tod geschickt wurden: New Yorks Feuerwehrmänner, von denen 343 im einstürzenden Welthandelszentrum starben. Chaotisch seien die Rettungsarbeiten angelaufen, bemängelte ein von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg in Auftrag gegebener Bericht.

So erhielt die Polizei bereits um 9 Uhr 37 die Meldung, dass eine der oberen Etagen des Südturms einzustürzen drohe. Die Nachricht wurde aber nicht an die Feuerwehr weitergeleitet. Deren Angehörige wurden unter den Trümmern begraben, als der Turm 22 Minuten später in sich zusammensank. (Wolfgang Koydl/DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2002)

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