Tageszeitung muss Leser "die Welt erklären"

1. September 2002, 18:50
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"FAZ": "Geschichtlich einmalige" Krise

Die weltweite Konjunktur- und somit auch Werbekrise zwingt Zeitungen zum Sparen. Was das für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) bedeutet, erklärte deren Korrespondent Peter Hort bei den diesjährigen Mediengesprächen in Alpbach.

"Geschichtlich einmalig" nennt Hort die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Qualitätspresse. Die Frankfurter Allgemeine hat freilich auch einiges Potenzial für Kürzungen: Aus den USA berichten bisher gleich acht Korrespondenten für die FAZ. Dabei, so Hort, dürfte es nun nicht bleiben, wenn Mitarbeiter - in gleich dreistelliger Zahl - gekündigt werden.

Dem Leser näher kommen

Aber nicht nur sparen muss die FAZ, sagt Hort. Sondern auch dem Leser näher kommen.

"Dass man einfach 180 bis 200 Zeilen ins Blatt stellt, das wird es nicht mehr geben", prognostiziert er. Nicht bei seiner und nicht bei anderen seriösen Zeitungen. Berichte müssten "klarer, viel einfacher und kürzer" werden.

Die pure Nachricht zu liefern, reiche nicht mehr - Fernsehen, Radio, Internet sind ungleich schneller: "Wir können fast keine Neuigkeiten mehr verkünden." Die Zeitung müsse dem Leser vielmehr Hintergrund und Analyse liefern: "Ihre Stärke ist, die Welt und ihre Zusammenhänge zu erklären. Darauf müssen wir uns konzentrieren." Als Vorbild nennt er die Financial Times.

"Man sollte den Leser nicht unterschätzen"

Einfachheit kann freilich auch zu weit gehen, meint Adam Krzemlinski von der polnischen Politika bei den Mediengesprächen: "Man sollte den Leser nicht unterschätzen." Manfred Jochum, ehemaliger Radiointendant des ORF und Wissenschaftsjournalist, bestätigt das: Vereinfachung könne zur "Zumutung für intelligente Menschen" werden.

Krzemlinski konstatiert eine "Provinzialisierung des politischen Lebens" auch in der Berichterstattung. "Nabelschau" betrieben die Medien. Daniel Vernet (Le Monde) beklagt, Auslandsberichterstattung beschränke sich zunehmend auf Features und Leute-Meldungen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 2. 9. 2002)

Eine Analyse von Harald Fidler aus Alpbach
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