Mission Selbstbewusstein

1. September 2002, 21:35
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Die Ruhrtriennale eröffnete: Das neue, mit immensem Budget versehene Großfestival wurde von Gerard Mortier konzipiert

Das neue Großfestival Ruhrtriennale wurde mit "Deutschland Deine Lieder" von Matthias Hartmann und Albert Ostermaier eröffnet. Das Programm - sechs Eigenproduktionen, fünf Gastspiele und ein paar Konzerte - konzipierte Gerard Mortier. Das Budget ist immens.


Essen - Der Auftakt war symbolträchtig: Just an dem Tag, an dem die prachtvolle Essener Zeche Zollverein, 1932 im Bauhaus-Stil errichtet, in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wurde, eröffnete Matthias Hartmanns Projekt Deutschland Deine Lieder das neue Festival Ruhrtriennale.

Albert Ostermaier hat zu diesem einen schnell gestrickten Gelegenheitstext beigesteuert: einen Monolog, der die Auseinandersetzung eines Sohnes mit seinem verstorbenen Vater zum Gegenstand hat. Und Hartmann bebildert ihn opulent. Wenige Einrichtungsgegenstände gliedern den Raum (von Volker Hintermeier) zwischen dem Bühnenhintergrund und dem Gazevorhang an der Rampe, die simultan als Videoprojektionsflächen dienen und dementsprechend eine multimediale Raumtiefe schaffen.

Manch markantes Bild gelingt hier, etwa wenn sich der Darsteller, Markus Bluhm, mit einer gelben Schminke das Gesicht einreibt, wodurch es auf dem Gazevorhang durchsichtig wird und dahinter der Kopf seines Vaters sichtbar wird. Struktur und eine gewisse Ironie verleiht dem Abend aber erst das musikalische Potpourri von Bach über Schubert bis Mahler, von Hollaender über Nena bis zu Schlachtgesängen: Splitter, Refrains oder bloß Textzeilen hat Parviz Mir-Ali für einen A-capella-Chor arrangiert und ironisch nivelliert.

Dreijahreszyklen

Damit wurde eine neue Festspielzeit mit sechs Eigenproduktionen, fünf Gastspielen und ein paar Konzerten eingeleitet, die sich auf sechs Wochen verteilt. Die Triennale findet aber nicht nur alle drei Jahre als Luxusevent statt, wie es der Titel suggerieren könnte, sondern in Dreijahreszyklen, die - nach dem Documenta-Prinzip - jeweils von wechselnden internationalen Theaterpersönlichkeiten kuratiert werden sollen.

Gründungsintendant ist der ehemalige Salzburger Festspielreformator und bereits designierte Pariser Opernchef Gerard Mortier, der mit seinen Koproduktionen zumal die "im Ruhrgebiet vorhandenen Potenziale ausschöpfen und die Funktion der Strukturen maximieren" will, "um Produktionen zu ermöglichen, die sich die Theater vor Ort nicht leisten könnten".

Entsprechend der Eröffnungskoproduktion mit dem Schauspiel Bochum sind für 2003 u. a. Koproduktionen mit Roberto Ciulli und seinem Theater an der Ruhr und den altehrwürdigen Ruhrfestspie- len projektiert. Das Ruhrfestspielhaus ist einer der zentralen Veranstaltungsorte: Klaus-Michael Grüber stellt dort Ende September seine Don Giovanni-Inszenierung vor.

Durch diese Verankerung in der Region soll die Festspielzeit auch eine Strukturhilfe für die von Finanzsorgen geplagten Institutionen darstellen. Mittels der Ruhrtriennale fließen 41 Millionen Euro nun nicht in die Theatergrundversorgung, sondern in eine dezidierte Spitzenförderung. Ein beachtliches Signal in Zeiten von Subventionsküzungen.

Darüber hinaus entspricht es dem politischen Willen, dass die Triennale auch Aspekte des Alltags im Ruhrgebiet verändern soll. Diese Intention lässt sich schon an den Veranstaltungsorten ablesen wie Kraftzentrale und Gebläsehalle des ehemaligen Eisenhüttenwerks, des heutigen "Landschaftsparks" Duisburg Nord, das Amphitheater auf der Halde Haniel in Bottrop oder der Gasometer in Oberhausen. Das immense Budget der Triennale erklärt sich zum Teil auch daraus, dass diese alten Industrieorte für kulturelle Zwecke erst einmal hergerichtet werden müssen.

Und so funktionieren die Maschinenhallen plötzlich als Schlösser des 20. Jahrhunderts. Mortier sagt: "Die Triennale ist der Versuch, dieser Region kulturell ein neues Gesicht zu geben." (DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2002)

Von Rolf C. Hemke

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Ruhrtriennale

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    Eroeffnungstueck zur Ruhr-Triennale "Deutschland, deine Lieder"

  • Regisseur Matthias Hartmann inszenierte aus einer Liedpartitur des Iraners Parviz Mir-Ali und einem Monolog des Dramaturgen Albert Ostermaier ein Stueck.
    foto: ruhrtriennale/kultur ruhr

    Regisseur Matthias Hartmann inszenierte aus einer Liedpartitur des Iraners Parviz Mir-Ali und einem Monolog des Dramaturgen Albert Ostermaier ein Stueck.

  • Spielstätte des Eröffnungsstückes: Die Zeche Zollverein in Essen, Teil des Unesco-Weltkulturerbes
    foto: ruhrtriennale/reinhaert cosaert

    Spielstätte des Eröffnungsstückes: Die Zeche Zollverein in Essen, Teil des Unesco-Weltkulturerbes

  • Konzipiator der Triennale: Gerard Mortier
    foto: ruhrtriennale/© harald-hoffmann.comf

    Konzipiator der Triennale: Gerard Mortier

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