Die froststarren Hölzchen der Moderne

1. September 2002, 22:05
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Eher versuchsweise: Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern" in der Felsenreitschule

Salzburg - Zur Vor- und Aufbereitung von Helmut Lachenmanns Andersen-Verfremdung ist in den letzten Tagen in den Medien Genügliches geleistet worden. Niemand wird im Vorfeld dieses in Salzburg als Klang-Bild-Installation annoncierten Alternativ-Events Desinteresse gegenüber Allerneuestem bemäkeln können. Je mehr man indes das Vorfeld beackern muss, desto höher sind die Erwartungen gereizt - und diese wurden in den Felsenreitschule gehörig gedämpft, wenn nicht gar enttäuscht.

Die versprochene Visualisierung begnügte sich auf zwei Videoreflektoren mit bewegten Bildchen von Hideaki Yamanobe, deren Frosteffizienz der Kälte der Lachenmannschen Musik zugute kommen sollte. Doch wie so oft, wenn die Bilder der Musik das Laufen lernen sollen, erweist sich das musikalisch Erfundene als das stärkere Element.

Lachenmanns trotzige, allen Freundlichkeiten musikalischen Genießens abholde Sprache ist und bleibt das Ereignis eines Abends, der mit Versprechungen eines Opernerlebens nichts zu tun hat. Die Felsenreitschule als Ort und Spielplatz bleibt ungenutzt, ihre Aura wird mit Vorhängen unterdrückt. Das gescheite, gescheit gebrochene Gemetzel der Wortfetzen aus den Nachlässen von Hans-Christian Andersen, Leonardo da Vinci und der RAF-Ikone Gudrun Ensslin entfaltet und verdünnt sich quasi konzertant, lebt von der Nachlesbarkeit, kaum je von den Impulsen einer körperlichen, greifbaren Gewissheit.

Vielleicht ist dies alles unter Zeitdruck, unter dem Druck, sich programmatisch prompt innovatorisch geben zu müssen, auf die avantgardistische Schiene gestellt worden. Den rührigen Buhschreiern möchte man ans Herz legen, mit Lachenmann und Salzburgs Projektanten ein wenig mehr Geduld zu haben. Den Bravo-Kontrahenten indes könnte man ins affirmative Stammbuch schreiben, ihr Unisono mit dem Heutigen ein wenig weniger zwanghaft zu artikulieren.

Bleiben wir doch am Ende eines Salzburger Festspiels mit manchen Höhepunkten, aber auch mit entsetzlich minderen Einkäufen aus dem musikalischen Supermarkt so ehrlich zu fragen: Wer in seiner heimischen Musiklandschaft würde auf die Idee kommen, seinen Freunden eine halbe Stunde Schwefelhölzer vorzuführen? Lachenmanns Musik ist ein Stoff für eine herbe, zuweilen aufwühlende, stets aber ernüchternde Begegnung, nichts aber für jenen Ort des leidenschaftlichen Erfülltseins, den man in Sonntagsfragen als einsame Insel bezeichnet.

Dass die Botschaft des Komponisten nicht gänzlich im Kargen und Unwirtlichen verkümmerte, war den vokalen, instrumentalen und experimentaltechnischen Abteilungen des SWR Stuttgart bzw. Baden-Baden und Freiburg unter der präzisen, dabei befeuernden Leitung von Sylvain Cambreling zu danken - dem sympathischen Restposten der Mortier-Ära.

Zu Ende gingen die Festspiele mit Konzerten von gehöriger Qualität unter denkbar unterschiedlichen Bedingungen. Zum einen gastierte mit dem Attersee Institute Orchestra (unter Mitwirkung der Philharmoniker) ein Ensemble von eher momentaner Gestandenheit, zum anderen mit dem Marinsky-Kirov-Orchester ein von langer Hand gebildetes und von Valery Gergiev geleitetes Routineinstrument. Im Attergau und dort im schönen St. Georgen werden ja seit Jahren Kurse und Konzerte angeboten.

Nun hatte das jugendlich und reif gemischte Orchester die Ehre, unter der Leitung von Mariss Jansons im Festspielprogramm für seine didaktische Sache zu werben. Mit gutem Resultat. Eine gute, zu befürwortende Sache in Nachbarschaft zu den gespielten Aufgeregtheiten des St. Petersburger Orchesters, wobei man als gelernter Salzburg-Beobachter doch ein wenig mit Wehmut verzeichnet, dass in diesen Finaltagen einst die Berliner Philharmoniker zu Gast waren. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2002)

Von Peter Cossé
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