Schnellen Bullen drohen derzeit gefährliche Fallen

1. September 2002, 20:31
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Fondsmanager: "Privatanleger versäumen in den nächsten Monaten nichts"

Wien - Die Prognosen, wonach die US-Börsen - und damit auch die Europäer - am Beginn eines kräftigen Kursschubes stehen, mehren sich. Die schlechten Karten liegen auf dem Tisch, heißt es. Amerika hat mit schärferen Börsenregeln die Selbstheilung begonnen, die Zinsen sind niedrig, Unternehmensgewinne zeigen wieder nach oben, die Ängste vor einem neuerlichen Abrutschen in die Rezession verblassen. Dazu hat der mittelalterlich anmutende Ritus des Bilanzschwurs der Firmenbosse den größten Feind des Kurswachstums - die Vertrauenskrise - wesentlich zurückgedrängt.

Eine der vier größten Börsenkrisen der vergangenen 100 Jahre könnte damit nach fast zweieinhalb Jahren zu Ende sein. Historische Vergleiche zeigen allerdings, dass die Bullen derzeit in eine klassische Falle laufen könnten: Seit 1932 sind auf Kurstiefststände immer wieder Rallyes gefolgt, die rund 1,7 Monate angehalten haben, um dann in einem neuen großen Absturz zu enden.

Nächster Crash

Dafür spricht auch derzeit einiges, was bedeuten würde, dass Mitte September der nächste Crash bevorsteht: Einige Investmenthäuser empfehlen ihren Großkunden derzeit, in die Rallye hineinzuverkaufen, wenn sie in ihren Aktienpositionen halbwegs nahe an einen Breakeven gelangt sind. Kleinanleger könnten in Massen diesem Verkauf folgen, wenn sie merken, dass sie aus ihren Verlusten nicht herauskommen.

Enttäuschungen seien vorprogrammiert, meint etwa auch das große, unabhängige US-Analysehaus Ned Davis, das mit einer jahrelang sehr flachen Gewinnwachstumskurve rechnet. Mögliche Irak-Kriegsszenarien und Ölpreisspitzen mit 30 Dollar je Fass sind allerdings noch in keiner Markteinschätzung eingearbeitet. "Privatanleger versäumen in den nächsten Monaten nichts", ruft Horst Simbürger, Volksbanken-Fondsmanager, zur Zurückhaltung auf. Erfahrungsgemäß brauche es rund ein halbes Jahr, bis die kritische Masse des Vertrauens so weit wieder hergestellt sei, dass ein wirklicher Aufwärtstrend zu sehen ist: "Ein Monat im Plus macht noch keinen Bullenmarkt, was wir sehen, ist eine Erleichterungsrallye." Und statistisch betrachtet legt diese die gefährlichsten Fallen für schnelle Bullen aus. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe 2.9.2002)

Analyse von Karin Bauer

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Die größten Börsenkrisen

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