Droht ein neuer Ölpreisschock?

2. September 2002, 00:48
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Wenn ja, was passiert mit der internationalen Konjunktur und den Finanzmärkten? - Gastkommentar von Michael Margules

Angesichts nahezu täglich via Medien zu vernehmenden Drohgebärden amerikanischer Politiker gegen den Irak häufen sich nicht von ungefähr die Sorgen und Mutmaßungen rund um die Problematik, was mit der internationalen Konjunktur und den Finanzmärkten geschieht, wenn und sobald die USA militärisch im Irak tatsächlich intervenieren.

Abgesehen von der vorhersehbaren und damit unangenehmen Steigerung des Unsicherheitsmoments für Wirtschaft und Börsen gilt als die wahrscheinlichste unmittelbare Folge eines Angriffs der Amerikaner ein massiver Anstieg des Ölpreises. Zu diesem Thema wurde, man höre und staune, von der Erste Bank (Autorinnen Anne Benoit und Veronika Lammer), eine durchaus bemerkenswerte Studie veröffentlicht, die zwei Szenarien in den Vordergrund und damit der auf Basis der beiden vorangegangenen Ölpreisschocks (1973/75 beziehungsweise 1979/82) Analyse stellte:

Zwei Szenarien

Im Szenario eins steigt der Ölpreis nur geringfügig, aber dafür dauerhaft an, während im zweiten Szenario von einem markanten, dafür aber nur vorübergehenden Ölpreisanstieg bis 45 Dollar ausgegangen wird. Zusätzlich wurde angenommen, dass die Kerninflationsrate über den gesamten Zeitraum sowohl für die USA als auch für Euroland auf dem heutigen Niveau bleibt. Für die Prognose des Bruttoinlandprodukts (BIP) wurde in beiden Wirtschaftsräumen eine leichte Konjunkturerholung unterstellt. Darüber hinaus ist in der Studie eine leichte Abschwächung des Euros gegenüber dem US-Dollar angenommen worden.

In beiden Fällen geht die Studie von moderaten wirtschaftlichen Konsequenzen eines höheren Ölpreises aus, wobei der Inflationsanstieg und der Rückgang des BIP-Wachstums im ersten Szenario markanter ausfällt als im zweiten. Jedenfalls verdeutlichen die Berechnungen, daß der Effekt eines höheren Ölpreises in beiden Szenarien vorübergehend ist. Die ungünstigen Auswirkungen auf die Inflation und das BIP halten im Fall eines permanenten Ölpreisanstieges zwar länger an als im Fall eines einmaligen Schocks, verschwinden aber ebenfalls langsam bis zum Ablauf des zweiten Jahres nach Einsetzen des Ölpreisanstiegs.

Von den 70ern....

Verglichen mit den Konsequenzen der zwei Ölpreisschocks der Siebzigerjahre scheinen die makroökonomischen Auswirkungen eines Ölpreisanstiegs heute somit deutlich geringer zu sein. Die Gründe für die abnehmende Sensitivität der großen industrialisierten Volkswirtschaften sind vielfältig: die rückläufige Ölintensität (Ölverbrauch pro BIP-Einheit), der verschärfte Wettbewerb, der die Überwälzung von Kostensteigerungen an den Konsumenten begrenzt, der auch von Arbeitnehmerseite nicht mehr als so dogmatisch angesehene parallele Verlauf von Preisen und Löhnen und nicht zuletzt die stabilitätsorientierte Geld- und Fiskalpolitik.

Letztere und damit die Herren Greenspan, Duisenberg und Konsorten wären angesichts eines Ölpreisanstiegs, der gleichzeitig sowohl die Preisstabilität als auch das Wirtschaftswachstum gefährdet, mit einem zusätzlichen Dilemma vulgo Handlungsbedarf konfrontiert. Denn obwohl die gegenständliche Analyse eine begrenzte Auswirkung des Ölpreises auf das Wirtschaftswachstum aufzeigt, würde ein Ölpreisschock in der aktuellen Schwächephase der Weltwirtschaft die Unsicherheit über einen baldigen Aufschwung weiter erhöhen und verzögern. Aus diesen Gründen erscheint es nachvollziehbar, daß die amerikanische und die europäische Geldpolitik selbst auf eine markante Ölpreissteigerung (Szenario 2) in der augenblicklichen Situation nicht mit Zinserhöhungen antworten würde.

...zu den heutigen Aktiensorgen

Ganz anders als die volkswirtschaftliche sieht die Rechnung für Ölunternehmen aus. Vor allem jene Konglomerate, die selbst schwergewichtig in die Förderung von Gas und Erdöl investiert haben, profitieren von einem anziehenden Ölpreis. Als konservatives, defensives Investment nicht zuletzt im Hinblick auf eine herausragende Dividendenrendite – und solches soll ja bekanntlich in kargen Aktien-Zeiten wie diesen nicht gerade schaden – ebenso wie als Schutzgitter gegen das sich abzeichnende Kanonendonner im Nahen Osten eignen sich Titel wie Royal Dutch, Total Fina, Exxon sowie der italienische Energiekonzern ENI. Wer besonders patriotisch agieren will darf auch Aktien der solide bewerteten OMV in seine Portfolio-Überlegungen einbeziehen.

Nachlese
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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